Nachruf auf Professor Dr. Norman Rich

Professor Dr. Norman Rich (Bildquelle: Uniformed Services University, Bethesda, Maryland, USA)

Im Juni 2026 verstarb Professor Dr. Norman Rich im Alter von 92 Jahren. Er war im letzten Jahrhundert einer der führenden Militärchirurgen der USA und in den Neunziger- und Nullerjahren ein Mentor der deutschen Militärchirurgie.

Nach dem Ende seines Studiums an der Stanford University School of Medicine im Jahr 1960 und dem Abschluss seiner chirurgischen Ausbildung 1965 hätte Dr. Rich eine erfolgreiche Karriere im privaten Sektor einschlagen können. Stattdessen entschied er sich, als Soldat und Chirurg in der amerikanischen Armee zu dienen, und wurde als Leiter der Chirurgie eines Militärhospitals nach Vietnam entsandt. Dort wurde er mit den komplexen Kriegsverletzungen seiner Zeit konfrontiert und erkannte bereits damals, dass Militärchirurgie nicht nur technisches Können, sondern auch kontinuierliche Innovation erfordert.

Nach seiner Rückkehr aus Vietnam gründete und leitete Dr. Rich das Walter Reed Vascular Fellowship Program in Washington, DC, und schuf damit eines der führenden Ausbildungsprogramme der Militärchirurgie. Generationen von Militärchirurgen, die unter ihm ausgebildet wurden, leisteten später weltweit ihren Dienst. Die außergewöhnlichen Fortschritte in der Traumaversorgung, die während der Konflikte des 20. und 21. Jahrhunderts erzielt wurden, waren nicht zuletzt durch die Chirurgen, die er ausbildete und inspirierte, möglich.

Norman Rich war das erste hauptamtliche Fakultätsmitglied der Uniformed Services University School of Medicine (USU), der medizinischen Militäruniversität in Bethesda, Maryland. Er gründete hier das Department of Surgery. In mehr als vier Jahrzehnten Dienst an der USU half er beim Ausbau der heutigen Institution, war von 1976 bis 1999 Professor für Chirurgie, später bis 2012 Direktor der Chirurgischen Abteilung und von 2012 bis zu seiner Pensionierung 2018 Senior Advisor des Lehrstuhls.

Das Erlebte im Krieg und die daraus gewonnenen Erkenntnisse führten zu einem seiner dauerhaftesten Beiträge. 1966 gründete Dr. Rich das Vietnam Vascular Registry, ein bahnbrechendes Archiv, das mehr als 10.000 kriegsbedingte Gefäßverletzungen im Verlauf dokumentierte und analysierte. Mehr als fünf Jahrzehnte lang pflegte und erweiterte er diesen beispiellosen Wissensfundus. Das Register wurde zum Vorbild für moderne militärische Outcome-Datenbanken und Traumaregister.

Prof. Richs Einfluss reichte weit über die Vereinigten Staaten hinaus. Er war als Gastprofessor an vielen Institutionen weltweit tätig, nahm an wissenschaftlichen Programmen auf fünf Kontinenten teil und erhielt Ehrenprofessuren sowie Ehrendoktorwürden von Universitäten in Europa, Asien und Lateinamerika. Als Gründer oder Leiter zahlreicher Berufsverbände war er Präsident mehrerer bedeutender Gefäßgesellschaften und wurde weithin als einer der Architekten der modernen Gefäßchirurgie und der militärischen Traumaversorgung anerkannt. Seine Arbeit förderte das Verständnis für Gefäßverletzungen, ballistische Traumata, venöse Erkrankungen sowie chirurgische Techniken. Im Übrigen war er regelmäßig Gastredner auf den Tagungen der Arbeitsgemeinschaft der chirurgischen Sanitätsoffiziere (ARCHIS).

Im Jahr 1986 gründeten Norman Rich und der französische Militärchirurg Daniel Rignault das Ambroise Paré International Military Surgery Forum (APIMSF) als internationale Berufsvereinigung von Chirurgen aus aller Welt, die Kriegs- und Katastrophenchirurgie in all ihren Varianten erlebt haben. Es war ihnen ein Bedürfnis, diesen Chirurgen eine Plattform zum Erfahrungsaustausch zu bieten, um kollegiale Zusammenarbeit, Freundschaft und Forschung auch grenz- und nationenüberschreitend zu fördern. Eingeschlossen sind ausdrücklich Militär- und zivile Chirurgen. Seit 1988 tagt dieses Forum weiterhin regelmäßig, mindestens alle zwei Jahre, als assoziierte Fachgesellschaft auf dem Kongress der International Society of Surgery (ISS).

Professor Dr. Norman Rich war ein herausragender Kommunikator und Brückenbauer. Er wird der Chirurgie und insbesondere der internationalen Militärchirurgie in diesen herausfordernden Zeiten fehlen. Für alle, die ihn und seine Mission kannten, wird sein Fehlen deutlich spürbar sein. Dennoch wird sein Auftrag, Chirurginnen und Chirurgen auch über Grenzen hinweg freundschaftlich miteinander zu verbinden, weiterleben.

Generalarzt a. D.
Prof. Dr. Horst Peter Becker