Philosophisch-anthropologische Fragen zur Luft- und Raumfahrt
Joachim Hoitz
„Was ist der Mensch für ein Wesen, dass er sich in die Lüfte erheben, die Schwerkraft überwinden und seinen Heimatplaneten verlassen will?“
Menschenbilder von der Antike zur Gegenwart
In der Antike war das Menschenbild von der Einschätzung geprägt, dass der Mensch als irdisches Ebenbild der Götter, eingebettet in den Kosmos, die persönliche Vervollkommnung als Lebensziel hat. Die Lehre aus Dädalus und Ikarus lautet, die Hybris zu vermeiden, den Göttern gleichen zu wollen. In der jüdisch-christlichen Tradition sind flugfähige Wesen wie Engel, Cherubim und Seraphim dem Bereich Gottes zuzuordnen. Himmelfahrten (Elias, Jesu) sind außergewöhnliche Gunsterweisungen Gottes. Kirchenvater Augustinus sah die Sinnstiftung eines Menschenlebens in der Vorbereitung auf das ewige Leben bei Gott. In der Renaissance begann der Mensch sich seiner selbst bewusst zu werden. Schöpferische Tätigkeit, Neugierde und Forscherdrang inspirierten Leonardo da Vinci, Flugmaschinen zu konstruieren, und ermöglichten die kopernikanische Wende zum heliozentrischen Weltbild.
René Descartes fomulierte mit „Cogito ergo sum“ eine „res cogitans“ (denkendes Etwas) und eine „res extensa“ (ausgedehntes Etwas), was als cartesianischer Dualismus zum bis heute prägenden Menschenbild wurden. Auf der „res extensa“ basieren die Naturwissenschaften, in der Medizin z. B. die Zellularpathologie und die daraus abgeleitete Somatik, auf der „res cogitans“ die Geisteswissenschaften, in der Medizin z. B. Psychoanalyse und Psychologie.
Im 20. Jahrhundert wollte man diesen cartesianischen Dualismus überwinden. In der Medizin entstand die Psychosomatik, in der Philosophie zeichneten Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen ein neues Menschenbild, die philosophische Anthropologie. Für Scheler war der „Geist“ die entscheidende Wesenstatsache des Menschen. Herausgelöst aus dem tierischen Triebsystem, mit dem Drang nach Wesenserkenntnis sei dem Menschen die Umlenkung von Lebensdrang auf wertvolle Ziele in der Welt bedeutsam. Plessner führte den Begriff der exzentrischen Positionalität ein, wobei diese, im Gegensatz zur tierisch-zentrischen, beim Menschen auf Grund seiner Befähigung zur Reflexion und als Zuschauer seiner selbst exzentrisch sei. Der Mensch könne nur durch Technik und Kultur sein Leben führen, zwingend vermittelt durch den Verstand und unter der Notwendigkeit, eine künstliche Ordnung zu schaffen. Gehlen sieht den Menschen als Mängelwesen, der seine Mängelbedingungen in Chancen zur Lebensfristung umarbeite. Die Mängelkompensation führe dabei auch zur Organüberbietung z. B. einem Fluggerät.
Philosophische Anthropologie in Bezug auf Luft- und Raumfahrt
In Luft- und Raumfahrt benötigt der Mensch, als Mängelwesen in der Welt ausgesetzt, zwingend die Technik, führt die Wesenserkenntnis und die Selbstreflektion in Verbindung mit der Fantasie und Umlenkung der Triebenergie auf sinnvolle Ziele zu Wissenschaft und Erfindergeist, und ist als konstitutiv wurzelloses, exzentrisch positioniertes Wesen auf eine eigene künstliche Ordnung angewiesen.
Daraus ist ein Anforderungsprofil zur Auswahl von Menschen in der Luft- und Raumfahrt ableitbar:
- Befähigung zur Selbstreflektion,
- Weltoffenheit,
- Neugierde,
- Fantasie,
- Wesensdrang nach Erkenntnis,
- Wissbegierde,
- innovative Offenheit und
- Anpassungsfähigkeit an eine künstliche Ordnung.
Notwendige Rahmenbedingungen für Menschen in der Luft- und Raumfahrt sind folglich:
- Unterstützung bei der Selbstreflektion,
- Einbindung innovativer Kreativität und Fantasie in Gesamtprojekte,
- Aufnahme des Antriebsüberschusses und Umlenkung auf erfolgreiche Projekte,
- angepasste Optimierung der technischen Künstlichkeit sowie
- Anerkennung und Support beim Doppelaspekt von „absoluter Verwurzelung und Heimat“ (Positionalität) und der „seligen Fremde“ (Exzentrizität).
Fazit und Abschlussfrage
Neben physiologischen und psychologischen Perspektiven bei der Auswahl und der Begleitung von Menschen in der Luft- und Raumfahrt bietet sich mit der philosophischen Anthropologie eine ergänzende Perspektive an. Dies kann zur Beantwortung der Abschlussfrage beitragen:
Werden zukünftig Menschen zum Mars fliegen oder, preisgünstiger und ungefährlicher, nur Künstliche Intelligenz?
Literatur beim Verfasser
Verfasser
Generalarzt a. D. Dr. Joachim Hoitz
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