Editorial

Verehrte Leserschaft,

mit dem Arbeitskreis Taktische Medizin der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e.V. wurde ein Meilenstein in der Verbesserung der Versorgung von Verwundeten und Verletzten auf dem Gefechtsfeld gelegt. Der Arbeitskreis wird sich insbesondere mit den Themen Tactical Combat Casualty Care (TCCC), taktische Medizin und „austere Environment“ beschäftigen und als wissenschaftliche Leitung die Combat Medical Care Conference fachlich begleiten. Ich möchte dieses Vorwort ausdrücklich nutzen, um den Organisatoren, allen voran Herrn Oberfeldarzt Dr. Josse, meinen tiefempfundenen Dank und Respekt für die langjährigen Bemühungen auszusprechen.

Die Notwendigkeit, sich mit den Besonderheiten der sanitätsdienstlichen Versorgung im Gefecht auseinanderzusetzen, ist eine zwingende Ableitung aus physiologischen und pathophysiologischen Gesetzmäßigkeiten, Ihnen allen bestens bekannt als „Golden Hour“ mit dem Grundsatz „Treat first what kills first“. Wir dürfen nicht müde werden, diese Kenntnisse und daraus abzuleitende Maßnahmen sowohl dem eigenen fachlichen Nachwuchs als auch dem Kreis der „Nicht sanitätsdienstlichen Truppenführer“ zu verdeutlichen.

Die Grundlagen der taktischen Medizin sowie dazu notwendige Planungen und Prozesse werden Ihnen in diesem Heft hochprofessionell dargestellt und nahegebracht. Diese Grundlagen sind schon vor dem eigentlichen Einsatz in der Ausbildung handlungsleitend, um dann in der Einsatzsituation sicher abgerufen werden zu können. Ihren Anfang nahm die taktische Verwundetenversorgung in der Bundeswehr um die 2000er-Jahre. Die taktische Medizin (TCCC) wurde zunächst als erweiterte Selbst- und Kameradenhilfe durch die Spezialkräfte und Fernspähkräfte eingeführt. Mit der Initiierung des 1. TCCC-Symposiums durch Stabsarzt Josse am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen wurden die Maßnahmen und Algorithmen des TCCC für Spezialkräfte auch für konventionelle Kräfte und Sanitätspersonal publik gemacht und anfänglich durchaus kontrovers diskutiert. Mit den Einsätzen in Afghanistan gewann die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen an Bedeutung. Die TCCC-Symposien in Pfullendorf behandelten dieses Thema fortan jährlich und seit 2010 wird mit dem Einsatzersthelfer „Bravo“ auch nicht-Sanitätspersonal mit erweiterten notfallmedizinischen Maßnahmen befähigt. Die Lehrgänge „Teamtraining taktische Verwundetenversorgung“ brachten die Algorithmen und Vorgehensweisen der taktischen Medizin zudem in die Ausbildung des qualifizierten Sanitätspersonals. Ab 2014 wurde dann in Ulm die CMC-Conference durchgeführt, die auf Anhieb als größte und wichtigste Konferenz zum Thema Taktische Einsatzmedizin formierte.

Die Erfahrungen aus den Einsätzen in Afghanistan und Mali sind inzwischen Ausgangspunkt für weitere Anpassungen in der taktischen Einsatzmedizin unter Maßgabe der erwartbaren Verwundetenausfälle in entsprechenden Zeitlinien und unter den Transportbedingungen bis zur chirurgischen Versorgung bei künftigen intensiven militärischen Auseinandersetzungen im Rahmen von LV/BV. Vieles, was wir aktuell zur Versorgung von Verletzungsmustern aus der Ukraine sehen, wie zum Beispiel die Tourniquet-Konversion, haben wir bereits vor über 10 Jahren angefangen auszubilden. Wir sind also auf dem richtigen Weg, müssen aber immer bereit sein, Neues zu lernen und in die Versorgungsgrundsätze aufzunehmen.

Die Aufstellung eines Instituts für taktische Einsatzmedizin wäre eine logische Konsequenz. Hierdurch würden Forschung und Lehre auf ein universitäres Niveau und auf Augenhöhe mit den klassischen medizinischen Disziplinen gehoben. Insbesondere durch technische Neu- und Weiterentwicklungen wie z. B. „Drohnen“ und „roboter-assistierte Chirurgie“ gilt es, die taktische Einsatzmedizin konsequent weiterzuentwickeln.

Ich wünsche Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, viel Freude bei der Lektüre.

Ihr

Dr. Johannes Backus
Generalstabsarzt