Ist man hinterher wirklich immer schlauer?
Am 30. Januar 2023 erschien in der weltweit renommierten Cochrane Library eine Metaanalyse über die Effektivität physikalischer Maßnahmen wie Händewaschen oder Tragen von Masken zur Unterbrechung bzw. Verhinderung der Ausbreitung von Atemwegsviren. Die Kernaussage schlug ein wie eine Bombe:
Das Autorenteam Jefferson et al. ist sich nach Auswertung von 78 Studien nicht sicher, ob das Tragen von Masken geeignet ist, die Verbreitung von Atemwegsviren einzudämmen [4]. Nach dem Studium des Volltextes dieser Publikation erlaubt sich der Chefredakteur der WMM einen kurzen kommentierenden Beitrag zu diesem erstaunlichen Ergebnis, das uns alle berührt.
Emotionen helfen nicht weiter
Die Veröffentlichung der Metaanalyse zu dem Zeitpunkt, an dem in Deutschland die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen aufgehoben wird, rüttelt auf und erzeugt in der Presse sowie besonders in den sozialen Medien ein entsprechendes Echo. Die kritische Gegnerschaft macht sich stark und geht mit dem Thema entsprechend emotional um. War die massive Einschränkung unserer persönlichen Freiheit, die wir erleiden mussten, wirklich gerechtfertigt? Nun, wir finden eine klare Antwort in der Wissenschaft und im Bauchgefühl der damaligen Situation. Aber jetzt erst einmal der Reihe nach.
Sorgfalt geht vor Schnelligkeit
In einer eilig abgegeben Stellungnahme räumt Cochrane Deutschland selbst erhebliche Einschränkungen der Aussagekraft der oben genannten Studie ein [3]. Letztlich bleibt für uns als Leserin und Leser festzustellen, dass die gewählte Methodik dieser Cochrane-Analyse nicht geeignet ist, die wissenschaftliche Frage nach der Effektivität von Maskentragen zu beantworten. In der Vergangenheit allerdings belegten bereits verschiedene Untersuchungen den positiven Nutzen von Masken, unter anderem in Lancet im Jahre 2020 [2]. Physikalisch konnte die Gruppe um Eberhard Bodenschatz den Nutzen von Masken experimentell und wissenschaftlich eindeutig nachweisen [1][5].
Was können wir lernen?
Was kann man aus den obigen Darstellungen und den Reaktionsweisen für sich lernen? Das Presseecho über das Maskentragen in den Medien ist, wenn man den Sachverhalt klären will, nur durch das Studium der jeweils „zitierten“ Originalpublikationen und mit einer Bewertung auf der Basis seriöser Quellen aufzuklären. Andernfalls erliegt man der allgemeinen Empörung und kann nicht sachgerecht urteilen. Als die WHO im März 2020 mit dem Aufkommen von SARS-CoV-2 den weltweiten Pandemiefall ausrief, wurden auf dem Boden des damaligen Erkenntnisstandes und eines gewissen Bauchgefühls Abstandhalten, Isolierung und das Tragen von Gesichtsmasken empfohlen. In der Bilanz drei Jahre später urteilt der Autor dieser Zeilen: Es war für die Verantwortungsträger aus rationaler und wissenschaftlicher Sicht damals richtig, so zu entscheiden – auch weil es nichts anderes gab.
Literatur
- Bagheri G, Thiede B, Hejazi B, Bodenschatz E: An upper bound on one-to-one exposure to infectious human respiratory particles. PNAS 2021; , letzter Aufruf 4. Februar 2023. mehr lesen
- Chu DK, Akl EA, Duda S et al: Physical distancing, face masks, and eye protection to prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and COVID-19: a systematic review and meta-analysis. Lancet. 2020; 395(10242):1973-1987. mehr lesen
- Cochrane Deutschland: Cochrane Review zum Nutzen von Masken gegen Atemwegsinfektionen. , letzter Aufruf 4. Februar 2023. mehr lesen
- Jefferson T, Dooley L, Ferroni E et al: Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. Cochrane Database Syst Rev 2023; 1(1): CD006207. mehr lesen
- McLeod RS, Hopfe CJ, Bodenschatz E et al.: A multi-layered strategy for COVID-19 infection prophylaxis in schools: A review of the evidence for masks, distancing, and ventilation. Indoor Air 2022; 32(10): e13142 mehr lesen
Prof. Dr. Horst Peter Becker
Generalarzt a. D.
Chefredakteur