Politik in Krisenzeiten und in den Schlüsseljahren
für das Gesundheitswesen

Romy Ermler
Präsidentin der Bundeszahnärztekammer, Berlin

Der Überfall Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 oder der durch einen Anschlag ausgelöste, tagelange Stromausfall im Berliner Südwesten haben uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie verwundbar wir in Deutschland und Europa sind. Dazu kommt eine zunehmend um sich greifende „Politik des Stärkeren“, mit der Interessen nicht mehr auf der Grundlage einer regelbasierten Ordnung, sondern durch Macht, die Gewalt explizit miteinschließt, durchgesetzt werden.

Diese neue Realität bedeutet für uns in Deutschland, dass wir uns dringend resilienter gegenüber Krisen aufstellen müssen. Dabei muss es gar nicht zum Kriegsfall kommen, um Teile der Bevölkerung hart und unvermittelt zu treffen. Auch das Gesundheitssystem ist unmittelbar durch solche Krisen betroffen, wenn die Arbeitsfähigkeit von Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arzt- oder Zahnarztpraxen beeinträchtigt wird.

Krisenresilienz im Sinne des Schutzes kritischer – also auch (zahn-)medizinischer – Infrastruktur ist für die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) eines der großen ­Themen für das Jahr 2026. Außerdem gilt es, die Sozialversicherungssysteme, einschließlich des dualen Krankenversicherungssystems, krisenfest aufzustellen.

Da der Gesundheitsbereich ein wesentlicher Sektor zur Stärkung der Krisenresilienz ist, will die BZÄK praktische Hilfen für die Praxen auf den Weg bringen. Denn: Eine gute Mundgesundheit ist eng mit dem allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung verbunden. Gleichzeitig ist sie ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität und die Arbeitsfähigkeit, insbesondere in Zeiten, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt und individuelle Leistungsfähigkeit gefordert sind.

Zahnärztinnen und Zahnärzte sind als Teil der kritischen Infrastruktur unverzichtbar. Sie gewährleisten nicht nur die Versorgung in akuten Notfällen – etwa bei Zahnverletzungen oder akuten Schmerzen –, sondern sorgen auch durch Präventionsmaßnahmen und kontinuierliche Prophylaxe dafür, dass komplexe Krankheitsbilder gar nicht erst entstehen. Deshalb hat die BZÄK zum Thema Krisenresilienz eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die – wie anlässlich unserer Bundesversammlung in Berlin im November und in Gegenwart von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken berichtet – derzeit einen Leitfaden für Zahnarztpraxen zur Vorbereitung auf den „Krisenfall“ erarbeitet. Dabei wollen wir uns eng mit den zuständigen Stellen in der Bundeswehr abstimmen – hier stehen wir bereits in direktem Austausch.

Auch die Festigkeit der Sozialversicherungssysteme stärkt die Krisenresilienz unserer Gesellschaft. Aktuell steht daher auch das doppelte System aus gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) im Fokus der Reformdebatten, Stichwort: „Stärkung der Eigenverantwortung“. Aus Sicht der Zahnmedizin werden für die Betroffenen ausgewogene, politisch mehrheitsfähige Lösungen benötigt, die einerseits unnötige Kosten der GKV minimieren, andererseits die Erfolge der Prävention nicht gefährden. Die Ausgliederung zahnmedizinischer Leistungen aus der GKV stellt dabei sicherlich kein probates Mittel dar.

Der Blick über die Grenzen zu unseren Nachbarn zeigt: Sollte das Thema der Stärkung der Eigenverantwortung weiter an Fahrt gewinnen, scheinen Wege der Selbstbeteiligung, wie dies in fast allen europäischen Nach­barländern der Fall ist, sozial ausgewogener und ­zielgerichteter zu sein als die Ausgliederung ganzer Leistungsbereiche.

Das Gesundheitswesen im Allgemeinen und die Zahnmedizin im Speziellen sind ein unverzichtbarer Bestandteil jedweder gesamtgesellschaftlicher Resilienzstrategie. Das sollte von der Politik bei allen Entscheidungen bedacht werden.

Bild: Bundeszahnärztekammer

Dr. Romy Ermler, MBA
Präsidentin der Bundeszahnärztekammer
Chausseestraße 13
10115 Berlin
E-Mail:info@bzaek.de