Evidenz in der Suchtprävention im militärischen Kontext
Markus Staudt, Nadine Hartmann, Manuela Andrea Hoffmann
Hintergrund
Der Soldatenberuf ist geprägt von Veränderungsprozessen, die sowohl den Dienstalltag als auch das persönliche Umfeld betreffen. Insbesondere bei Auslandseinsätzen treten Gefühlswahrnehmungen wie „Gefahr und Lebensbedrohlichkeit“, aber auch „Monotonie und Langeweile“, bei gleichzeitigem Getrenntsein vom vertrauten Umfeld, auf. Diese Extreme erzeugen innere Spannungen und können zu Verhaltensweisen wie beispielsweise häufigeres Rauchen, ein Abreagieren am Computer an mehreren aufeinander folgenden Nächten oder das Überschreiten der gültigen Alkohol-Regel führen.
Der Einstieg in eine Sucht ist schleichend und multifaktoriell. Im vertrauten Umfeld berichten Einsatzrückkehrer über „Experimente“. Meist werden hierbei verfügbare, legale Substanzen zweckentfremdet und zu Rauschzwecken eingesetzt. Exemplarisch wurde das Rauchen von Schmerzmedikamenten („Joint“), das Mischen von Desinfektionsmitteln mit alkoholischen Getränken oder sogar die orale Aufnahme eines Extraktes aus Schuhcreme(!) genannt. Dass dieses Verhalten nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch ein Dienstvergehen ist, erklärt sich von selbst.
(K)Ein Problem mit der Sucht
Die Hochrechnungen „Suchterkrankungen“ des epidemiologischen Suchtsurveys 2021 [6] sind alarmierend und erlauben Rückschlüsse auf das Militär als „Spiegel der Gesellschaft“. Innerhalb der deutschen Bevölkerung mit ca. 84 Mio. Menschen arbeiten knapp 260 000 bei der Bundeswehr. Das Bundesgesundheitsministerium geht von 18–19 Mio. Suchterkrankungen in Deutschland aus [10]. Übertragen auf die Anzahl der Bundeswehrangehörigen erhält man rechnerisch ca. 60 000 Suchterkrankungen; dabei sind u. a. riskante Trinkgewohnheiten nicht berücksichtigt.
Ansatzpunkte für die Suchtprävention
Gemäß Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA 2020) [4] gibt es nicht die EINE Ursache für eine Suchterkrankung. Somit kann es folgerichtig auch nicht EINE allumfassende Suchtprävention geben.
Die Suchtpolitik in der Bundesrepublik Deutschland ruht auf mehreren Säulen [5], eine davon ist die Suchtprävention. Zu deren Kernelementen gehören
- Bildung/Information/Aufklärung,
- Identifizierung von Stressoren und Schutzfaktoren,
- Erlernen gesunder Alternativen und
- Abschreckung.
Eine große Herausforderung ist dabei die Variabilität von Suchtstoffen bzw. Suchtverhalten und die Individualität der Betroffenen.
In Deutschland wird Suchtprävention weniger staatlich gefördert als z. B. in Island [9]. Trotz der unverändert hohen Zahlen der Suchterkrankungen wurden 2024 die Haushaltsmittel in DEU für Suchtprävention von 13,2 auf 9,2 Mio gekürzt [7].
Abb. 1: Empfehlungen zur Suchtprävention im militärischen Kontext
Evidenz in der Suchtprävention
Wie steht es um die Evidenz in der Suchtprävention und welche Wirksamkeiten präventiver Maßnahmen sind zu erwarten? Erste Ergebnisse einer hierzu durchgeführten Analyse der letzten 10 Jahre in mehreren Datenbanken zeigten:
- Suchtprävention mittels Massenmedien/Internet/Social Media zeigt einen leicht positiven Effekt zugunsten eines späteren Einstiegszeitpunktes und/oder eines Absenkens der konsumierten Menge [1][2].
- Suchtprävention am Arbeitsplatz führt zu einem positiven Kurzzeiteffekt, jedoch wurde bisher kein signifikanter Langzeiteffekt nachgewiesen [8].
- Aufklärung vor oder während einer Feierlichkeit ist insbesondere dann wirksam, wenn sie vor dem Konsum erfolgt [3].
Zahlreiche untersuchte Präventionsansätze erwiesen sich als weniger wirksam, die Ergebnisse vieler Untersuchungen waren unklar oder das Studiendesign war ungenügend beschrieben.
Suchtprävention im militärischen Kontext
Das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr verfügt über umfangreiche wissenschaftliche Expertise zu den besonderen körperlichen und mentalen Anforderungen von militärischem Personal im Grundbetrieb sowie in Übung und Einsatz. Aus diesen Erkenntnissen, gepaart mit den Ergebnissen unserer systematischen Literaturrecherche, können wir ableiten, wie eine wirksame, evidenzbasierte Suchtprävention in der Bundeswehr aussehen sollte. Das Ergebnis ist zusammengefasst in Abbildung 1 dargestellt.
Literatur
- Allara E, Ferri M, Bo A, Gasparrini A, Faggiano F: Are mass-media campaigns effective in preventing drug use? A Cochrane systematic review and meta-analysis. BMJ Open 2015; 5(9): e007449 mehr lesen
- Bhochhibhoya A, Hayes L, Branscum P, Taylor L: The Use of the Internet for Prevention of Binge Drinking Among the College Population: A Systematic Review of Evidence. Alcohol and Alcoholism 2015; 50(5): 526-535 mehr lesen
- Brunn J, Brunner S, Mütsch M: Preventive Interventions for Young Adults in Nightlife: Coproduction for a Systematic Literature Assessment Followed by a Stakeholder Dialogue Process. Eur Addict Res 2021; 27(5): 311-325 mehr lesen
- Bühler A, Thrul J, Gomes de Matos E: Expertise zur Suchtprävention 2020: Aktualisierte Neuauflage der "Expertise zur Suchtprävention 2013". Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
- Bundesgesundheitsministerium: Sucht und Drogen: , letzter Aufruf 9. Oktober 2024. mehr lesen
- Bundesministerium für Gesundheit, Olderbak S: Epidemiologischer Suchtsurvey 2021: , letzter Aufruf 9. Oktober 2024. mehr lesen
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Einsparungen bei Suchtprävention schaden der ganzen Gesellschaft: , letzter Aufruf 9. Oktober 2024. mehr lesen
- Fellbaum L, Mojzisch A, Bielefeld L, Benit N, Soellner R: The effectiveness of workplace interventions for the prevention of alcohol use: A meta-analysis. Addiction 2023; 118(11): 2043-2061 mehr lesen
- Kristjansson AL, Sigfusdottir ID, Thorlindsson T et al.: Population trends in smoking, alcohol use and primary prevention variables among adolescents in Iceland, 1997-2014. Addiction 2016; 111(4): 645-652 mehr lesen
- Rauschert C, Möckl J, Seitz N-N et al.: The Use of Psychoactive Substances in Germany. Dtsch Arztebl Int 2022; 119(31-32): 527-534 mehr lesen
Für die Verfasser
Oberfeldapotheker Dr. Markus Staudt
Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr
Aktienstraße 87, 56626 Andernach
E-Mail: markusstaudt@bundeswehr.org