Editorial
Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser!
Diese Ausgabe steht unter einem zentralen Leitgedanken: Zahnmedizin ist keine solitäre Einzeldisziplin, sondern wesentlicher und integraler Bestandteil der Wehrmedizin. Vor dem Hintergrund der Ausrichtung auf Bündnisverteidigung sind die sanitätsdienstlichen Fähigkeiten am gemeinsamen Auftrag auszurichten. Unter allen NATO-Staaten verfügen nur die USA und Deutschland über eine Militärzahnmedizin, die eine vollumfängliche zahnmedizinische Versorgung der eigenen Streitkräfte ermöglicht. Die übrigen Mitgliedstaaten halten lediglich querschnittlich ausgebrachte zahnärztliche Fähigkeiten vor und stützen sich bei der truppenzahnärztlichen Versorgung ihrer Streitkräfte maßgeblich auf das zivile Gesundheitswesen ab. Daher ist im Fall der Bündnisverteidigung davon auszugehen, dass Partnernationen sich im Rahmen der zahnmedizinischen Versorgung auf die Unterstützung der Bundeswehr verlassen. Der Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr hat daher angewiesen, die bestehende Fähigkeitslücke „mobile truppenzahnärztliche Versorgung“ umgehend zu schließen, um dieser Verantwortung uneingeschränkt und dynamisch nachkommen zu können.
Zahnmedizinische Expertise prägt gleichermaßen die klinische Versorgung sowie die Rehabilitation. Dabei werden als Resultate aus Wissenschaft und Fortschritt ständig neue Wege gegangen, ohne die bewährten Grundlagen außer Acht zu lassen.
Erkrankungen des orofazialen Systems wirken sich unmittelbar auf Einsatzbereitschaft, Führungsfähigkeit und Lebensqualität von Soldatinnen und Soldaten aus. In diesem Sinne wirkt die Zahnmedizin sehr zentral in der Infektkontrolle, im Zahnerhalt, in der funktionellen Therapie sowie in der komplexen Wiederherstellung.
Hinsichtlich der militärischen Kräfteplanung und der Härtung der Durchhaltefähigkeit darf die Zahnmedizin daher nicht isoliert betrachtet werden. Zur Schonung limitierter Kapazitäten und Steigerung der allgemeinen Resilienz muss zukünftig ein besonderer Schwerpunkt auf die mobile Zahnmedizin gelegt werden. Historisch aus militärischer Notwendigkeit entstanden, gewinnt sie heute – wie die Berichte aus dem Ukraine-Krieg zeigen – erneut an strategischer Bedeutung. Moderne mobile Behandlungssysteme, entwickelt aus zivilen und militärischen Erfahrungen, ermöglichen unaufschiebbare Versorgung unter autarken Bedingungen wie im Einsatz, bei Verlegungsszenarien und im Inland. Die enge Verzahnung ziviler und militärischer Innovationsansätze zeigt, dass mobile Zahnmedizin nicht nur eine technische Lösung ist, sondern ein zukunftsweisendes Versorgungskonzept mit übergreifendem, breitem Anwendungspotenzial.
Die Beiträge des vorliegenden Heftes fordern dazu auf, etablierte diagnostische und therapeutische Konzepte zielgerichtet neu zu bewerten. Die medizinische Weiterentwicklung findet sich im Bereich moderner Bildgebung, in der Verwendung neuer Materialien und im Sinne eines erweiterten funktionellen Verständnisses.
Die Offenheit für Innovation und die Basis klinischer Erfahrung bilden die Grundlage für eine zukunftsfähige und kompetente zahnmedizinische Versorgung innerhalb des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Führung und Teamarbeit als Pfeiler jeder kooperativen Anstrengung sind ein grundlegendes militärisches Dogma. Diese Ausgabe macht deutlich, dass sie keinem Selbstzweck dienen, sondern u. a. auch als Voraussetzung für medizinische Exzellenz zu verstehen sind. Bewusste Wahrnehmung von Verantwortung, klare Kommunikation und ein gemeinsamer Teamgeist tragen dazu bei, dass Innovationen umgesetzt und interdisziplinäre Zusammenarbeit gelebt werden kann.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen und Studieren dieser Ausgabe der Wehrmedizinischen Monatsschrift!
Dr. Jürgen Rentschler
Oberstarzt
Leitender Zahnarzt der Bundeswehr