Individuelle Stressresilienz: Begrifflichkeit, Messung und Bedeutung für die Prävention stress-assoziierter psychischer Störungen
Raffael Kalisch
Begrifflichkeit
Resilienz bezeichnet die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während und nach widrigen Lebensphasen [2]. Diese ergebnisorientierte Konzeptualisierung von Resilienz als langfristig gute psychische Gesundheit trotz Stressorexposition unterscheidet sich von älteren Ansätzen, in denen Resilienz als Persönlichkeitsmerkmal oder individuelle Eigenschaft verstanden wurde und somit durch einmalige Messung (z.B. mit Hilfe eines Fragebogens) auch unabhängig vom Auftreten von Stressoren festgestellt werden konnte. Keiner der eigenschaftsbasierten Ansätze in der Resilienzforschung konnte bisher erfolgreich ein individuelles Merkmal identifizieren, das allein und mit großer Genauigkeit vorhersagt, ob eine Person eine schwierigen Lebensphase ohne wesentliche Einbußen in ihrer psychischen Gesundheit meistern wird. Grund dafür dürfte die Vernachlässigung der komplexen dynamischen Prozesse sein, die sich bei der Konfrontation mit Widrigkeiten in Individuen und zwischen Individuen und ihrer Umwelt abspielen.
Abb. 1: Outcome-basierte Quantifizierung der Resilienz: Kalisch et al. (2015) schlugen vor, Resilienz (R) als das Verhältnis der Veränderungen der psychischen Gesundheitsprobleme P vor (T0) und nach (T1) der Stressor-Exposition E zu quantifizieren. Die Stressoren werden über den Beobachtungszeitraum (von T0 bis T1) summiert. (Abbildung angepasst aus [3])
Messung
In Abgrenzung zum Eigenschaftsansatz erfordert die Operationalisierung der Ergebnisresilienz die Messung der psychischen Gesundheit einer Person sowie ihrer Stressorexposition, sodass individuelle Unterschiede in der psychischen Gesundheit zu individuellen Unterschieden in der Stressorexposition in Bezug gesetzt werden können. Auf diese Weise können Individuen identifiziert werden, deren psychische Gesundheit relativ weniger empfindlich auf Stressoren reagiert. Eine niedrigere „Stressorreaktivität“ bildet dann höhere Resilienz ab [1]. Bei wiederholter Messung beider Größen in Längsschnittstudien lassen sich spontane oder interventionsinduzierte dynamische Entwicklungen in der Resilienz beschreiben. Werden diese Längsschnitterhebungen von Messungen möglicher Schutzfaktoren begleitet, lässt sich fragen, welche Faktoren (einschließlich individueller Eigenschaften) Resilienz positiv vorhersagen („Resilienzfaktoren“) oder ob Stärkungen solcher Faktoren mit Verbesserungen der Resilienz assoziiert sind („Resilienzprozesse“).
Anwendung
Die Mächtigkeit dieses Forschungsansatzes lässt sich durch den gesicherten Befund der prospektiven Assoziation des Positiven Bewertungsstils („Positive Appraisal Style“, PAS [3]) mit Resilienz (PAS als Resilienzfaktor) und durch die Verbesserung der Resilienz in Folge einer interventionsinduzierten Verstärkung des PAS (PAS-Verstärkung als Resilienzprozess) demonstrieren [4].
Empfehlungen
Im wehrmedizinischen Zusammenhang wird eine Operationalisierung über einen längsschnittlichen Stressorreaktivitäts-Score sowohl für die Erfassung des Präventionsbedarfs in Soldatinnen und Soldaten als auch für die Überprüfung des Erfolgs präventiver Interventionen empfohlen.
Literatur
- Kalisch R et al.: The Frequent Stressor and Mental Health Monitoring-Paradigm: A Proposal for the Operationalization and Measurement of Resilience and the Identification of Resilience Processes in Longitudinal Observational Studies. Front. Psychol. 2021: 12: 710493.
- Kalisch R et al.: The resilience framework as a strategy to combat stress-related disorders. Nat. Hum. Behav. 2017; 1(11): 784.
- Kalisch R, Müller MB, Tüscher O: A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behav. Brain Sci. 2015: 38: e92.
- Petri-Romão P: Evidence for a causal mechanistic role for positive appraisal style in stress resilience. OSF 2024; <https://osf.io/bf6n7>, letzter Aufruf 3. Oktober 2024.
Verfasser
Prof. Dr. Raffael Kalisch
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) Mainz & Neuroimaging Center (NIC)
Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften (FTN)
E-Mail: rkalisch@uni-mainz.de