Der ÖGD auf kommunaler Ebene: Agent zur Implementation des „Health in all Policies“-Ansatzes?

Tanja Klenka, Benjamin Ewertb, Renate Reiterc, Caspar Daniel Lückenbacha, Janine Kleinschmidtb

aHelmut-Schmidt-Universität Hamburg

bHochschule Fulda

cFernuniversität Hagen

Einleitung

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie ist die Aufmerksamkeit für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) in Deutschland gestiegen. Die kommunalen Gesundheitsbehörden stehen dabei besonders im Fokus. Die während der Pandemie offenkundig gewordenen Defizite hat die Gesundheitspolitik zum Anlass für Reformen genommen. So wurde 2020 der „Pakt für den ÖGD“ verabschiedet, auf dessen Grundlage insbesondere die kommunalen Gesundheitsbehörden (vorerst) bis 2026 personell und infrastrukturell (insb. technologisch) gestärkt werden, um sie als gesundheitspolitische Akteure vor Ort „zukunftsfähig“ zu machen. Mit dem Pakt hat sich ein Gelegenheitsfenster für eine grundlegende Modernisierung des ÖGD geöffnet – wie wird dieses genutzt?

Der Pakt für den ÖGD als „Gelegenheitsfenster“

Im Zuge der Umsetzung des Paktes ergibt sich, so lautet die Ausgangsprämisse des Projektes, die Gelegenheit zur verstärkten Erprobung und Implementation eines international entwickelten, integrierten gesundheitsbezogenen Policy-Modells („Health in all Policies“, HiAP) [1]. Dieses Modell fordert sowohl die Berücksichtigung gesundheitlicher Belange in unterschiedlichen relevanten Politikfeldern als auch beim Treffen von politischen Entscheidungen, um die flächendeckende, breit zugängliche und chancengerechte Bereitstellung gesundheitlicher Versorgungs- und Präventionsangebote für die Bevölkerung zu ermöglichen. Gesundheit soll ein zentrales Policy-Ziel in unterschiedlichen Bereichen werden oder als solches bei der politischen und administrativen Entscheidungsfindung grundsätzlich mitberücksichtigt werden [1].

Wir gehen von der These aus, dass der ÖGD auf kommunaler Ebene, d. h. den Gesundheitsämtern, das Potenzial besitzt, zum Agenten für eine breite Implementation des HiAP-Ansatzes in Deutschland zu werden. In diesem Sinne sind die Gesundheitsämter nicht nur – im wahrsten Sinne des Wortes – direkt für die Bevölkerung da und können die gesundheitlichen Bedarfe und Anliegen der Menschen in den Kommunen unmittelbar erfassen; auch ist der ÖGD auf kommunaler Ebene aufgrund seines breiten Aufgabenspektrums (Epidemiologie, Infektionsschutz, Hygiene-Kontrolle, klassische gruppenbezogene Vorsorge, breiter angelegte Prävention und Gesundheitsförderung, Koordination mit den Akteuren des gesundheitlichen Versorgungs- und des Sozialsystems) prädestiniert für die Implementation des HiAP-Ansatzes.

Institutionelle Modernisierung des ÖGD als Voraussetzung

Voraussetzung hierfür ist die institutionelle Modernisierung des ÖGD als Organisation und gesundheitspolitischer Akteur auf lokaler Ebene. Es wurden zwei Szenarien der institutionellen Modernisierung des kommunalen ÖGD identifiziert, die diesen in unterschiedlicher Weise für die HiAP-Agenten-Funktion befähigen. Dies ist zum einen eine pfadabhängig-institutionelle Modernisierung und zum anderen eine programmatisch-institutionelle Modernisierung. Insbesondere die programmatisch-institutionelle Modernisierung kann, so das Argument, die Basis für die Implementation des HiAP-Ansatzes bilden.

Während es im Rahmen der pfadabhängig-institutionellen Modernisierung vor allem um das Auffüllen von personellen und strukturellen Lücken, gerade im Bereich klassischer Aufgaben (Infektionsschutz, Hygiene-Kontrolle) geht, eröffnet sich mit der programmatisch-institutionellen Modernisierung die Chance, dass der ÖGD auf kommunaler Ebene künftig als Agent des HiAP-Ansatzes handeln kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn Personal diversifiziert wird, der ÖGD mit einem breiten Spektrum an gesundheitlichen und sozialen Akteuren kooperiert und digitale Ressourcen gut genutzt werden.

Um die institutionelle Modernisierung des ÖGD empirisch zu untersuchen, wird neben einer umfangreichen Dokumentenanalyse eine bundesweite Online-Befragung aller kommunaler Gesundheitsämter durchgeführt.

Literatur

  1. Baum F, Lawless A, Delany T, et al.: Evaluation of Health in All Policies: concept, theory and application. Health Promotion International 2014; 29(1): Issue suppl_1: i130–i142 mehr lesen

Für die Verfasser

Prof. Dr. Tanja Klenk
Helmut-Schmidt-Universität
Universität der Bundeswehr Hamburg
Holstenhofweg 85, 22043 Hamburg
E-Mail: tanja.klenk@hsu-hh.de