Editorial
Liebe Leserin,
lieber Leser,
im Zeitalter der Polykrise werden Stärken auf die Probe gestellt – und Schwächen offengelegt. Geopolitische Spannungen, militärische Bedrohungen, klimatische Extremereignisse und technologische Umbrüche wirken gleichzeitig. Überraschungen werden zur Regel, Planungsgrundlagen verlieren schneller ihre Gültigkeit. Die Anforderungen an Menschen und Organisationen steigen.
Für den Sanitätsdienst ist Resilienz deshalb die zentrale Frage der Handlungs- und Durchhaltefähigkeit des Gesamtsystems. Sie entsteht im Zusammenwirken von Menschen, Teams, Führung und Organisation. Der Einzelne braucht ein belastbares Team; das Team braucht Vertrauen, klare Führung und Handlungsspielräume. Die Organisation benötigt robuste Infrastruktur, verlässliche Logistik und adaptive Strukturen, um auch unter Friktion und Unsicherheit den Auftrag erfüllen zu können.
Die vorliegende Ausgabe der Wehrmedizinischen Monatsschrift soll als Aufruf, ja als Appell verstanden werden. Sie richtet sich an Führungskräfte auf allen Ebenen ebenso wie an jede und jeden Einzelnen im Sanitätsdienst. Resilienz beginnt mit Selbstregulation, reicht jedoch weit darüber hinaus. Sie muss im Team gelebt, durch Führung ermöglicht, in der Ausbildung systematisch gestärkt und in den Strukturen der Organisation verankert werden. Wer Verantwortung für Menschen, Prozesse und Strukturen übernimmt, gestaltet damit auch deren Resilienz.
Die Beiträge dieser Ausgabe betrachten Resilienz folgerichtig aus unterschiedlichen, miteinander verbundenen Perspektiven: von individueller Leistungsfähigkeit über Teams, Führung und organisationale Anpassungsfähigkeit bis hin zur institutionellen Ebene. Ihre gemeinsame Botschaft ist klar: Resilienz ist kein statischer Zustand. Für den Einzelnen ist sie eine Kompetenz, die kontinuierlich entwickelt werden kann; für Organisationen ist sie eine adaptive Fähigkeit, die aufgebaut, trainiert und unter realitätsnahen Bedingungen wiederholt überprüft werden muss.
Der einleitende Beitrag zur Polykrise als Dauerlage eröffnet eine eine innovative Sichtweise auf Resilienz in dieser modernen Zeit: Statt Resilienz auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber einzelnen Störereignissen zu reduzieren, wird sie als mehrdimensionale adaptive Systemfähigkeit konzeptualisiert. Gerade unter Bedingungen sich überlagernder Krisen reicht es nicht aus, nach einer Belastung lediglich zum Ausgangszustand zurückzukehren. Menschen und Organisationen müssen vielmehr in der Lage sein, unter veränderten Bedingungen zu lernen, sich anzupassen und weiterhin wirksam zu handeln.
Nicht jede Überraschung lässt sich vorhersehen. Entscheidend ist daher, Menschen, Teams und Strukturen so vorzubereiten, dass sie auch dann handlungsfähig bleiben, wenn Gewissheiten schwinden, Planungen nicht mehr greifen und das Unerwartete eintritt. Verstehen wir Resilienz als gemeinsamen Auftrag: sie zu entwickeln, zu trainieren und dort zu verankern, wo sie im Ernstfall benötigt wird.
Die Chefredaktion dankt Dr. Anastassiya Hör besonders für ihre engagierte Mitwirkung an der Gestaltung des vorliegenden Heftes.
Ich wünsche Ihnen eine intensive und anregende Lektüre.
Prof. Dr. Horst Peter Becker
Generalarzt a. D.
Chefredakteur der Wehrmedizinischen Monatsschrift