Phoniatrie und Pädaudiologie – ein neues Fachgebiet im Sanitätsdienst der Bundeswehr

Sandra Schmidta

a Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Klinik V – Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie

Im Juni 2013 wurde auf Empfehlung der Konsiliargruppe Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im Sanitätsdienst der Bundeswehr bei den Bundeswehr(zentral)krankenhäusern Hamburg, Koblenz und Ulm damit begonnen, in den jeweiligen HNO-Kliniken einen Sanitätsstabsoffizier Arzt zum Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie auszubilden. Die wehrmedizinische Relevanz dieser Fachdisziplin kann im täglichen Betrieb eindrucksvoll unter Beweis gestellt werden.

Historie

Im Jahre 1983 wurde die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) als wissenschaftliche Vereinigung aller deutschsprachigen Ärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie gegründet. Sie steht in der Tradition der „Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Phoniater“, die sich bereits 1966 in Salzburg konstituiert hatte. Unter Federführung von Prof. Dr. med. Friedrich Frank aus Wien trafen sich in der „Arbeitsgemeinschaft“ phoniatrisch tätige Ärztinnen und Ärzte aus Österreich, der Bundesrepublik Deutschland, der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Schweiz. Im Schwerpunkt setzten sie sich mit berufspolitischen Fragen auseinander.

Bereits im Jahr 1977 erfolgte die offizielle Anerkennung der Phoniatrie und Pädaudiologie als Subspezialisierungsgebiet der HNO-Heilkunde mit einem eigenen, später mehrfach präzisierten Aus- und Weiterbildungsprogramm, das dann weitgehend dem von der Union of the European Phoniatricians (UEP) empfohlenen Truncus communis folgte. Als Folge des Mauerbaus entwickelte sich bis 1967 in der DDR die Gesellschaft für Oto-Rhino-Laryngologie und zerviko-faziale Chirurgie. Hier entstand sehr bald unter Leitung des Leipziger HNO-Ordinarius Fritz Moser die Arbeitsgemeinschaft Phoniatrie, aus der 1974 eine Sektion Phoniatrie mit eigenen Statuten unter Vorsitz von Jürgen Wendler hervorging. Eine Mitwirkung der DDR-Phoniater in der 1983 gegründeten DGPP war nicht möglich. Die wissenschaftlichen und berufspolitischen Zielsetzungen der „Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Phoniater“ wurden national von der DGPP und international von der UEP übernommen. Die Arbeitsgemeinschaft löste sich 1999 auf.

Fachliche Entwicklung

Die Phoniatrie und Pädaudiologie als medizinisch-wissenschaftliche Disziplin hat ihre Wurzeln in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Bis 1978 eine Subspezialisierung ohne eigenen Status, war Phoniatrie und Pädaudiologie in der Bundesrepublik Deutschland von 1978–1993 ein „Teilgebiet“ innerhalb der HNO-Heilkunde. Als die Teilgebiete 1993 abgeschafft wurden, erhielt die Phoniatrie und Pädaudiologie durch Beschluss des Deutschen Ärztetages den Status als selbständiges Gebiet. Sie ist damit das „jüngste“ medizinische Fachgebiet in Deutschland. Die Facharztausbildung in diesem gemischt chirurgisch-konservativen Fachgebiet, in dem allerdings die operative Tätigkeit nicht im Vordergrund der klinischen Tätigkeit steht, dauert wenigstens 5 Jahre.

Aufgaben der Phoniatrie und Pädaudiologie

Aufgaben der Phoniatrie und Pädaudiologie sind Diagnostik, Therapie und Forschung in den Bereichen Stimmstörungen, Schluckstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Sprech- und Sprachentwicklung, erworbene Sprech- und Sprachstörungen (z. B. Aphasien) und Hörstörungen. Da sie sich nicht nur mit Hörstörungen bei Patienten jeglicher Altersgruppen beschäftigt, haben zahlreiche Universitätskliniken den Fachbereich als „Kommunikationsklinik“ zusammengefasst.

Inter- und Multidisziplinariät

Vor dem Hintergrund der Komplexität menschlicher Kommunikation ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, der Kinderheilkunde, der Neurologie, der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, der Kieferorthopädie und anderen Fachdisziplinen von herausragender Bedeutung. Ebenso bedeutsam ist die Kooperation auf den Gebieten Psychologie, Pädagogik, Sonderpädagogik und Hörgeräteakustik.

Mit der Logopädie als Lehre der Übungsbehandlung von Erkrankungen der Sprache, des Sprechens, der Stimme und des Schluckens besteht eine ganz enge Verzahnung. Deshalb sind vielen Abteilungen und Kliniken für Phoniatrie und Pädaudiologie Lehranstalten bzw. Schulen für Logopädie angeschlossen. Die Auszubildenden erhalten ihre theoretische und praktische Ausbildung in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Abteilungen und Kliniken. Zudem bestehen Verknüpfungen zur Atem-, Sprech- und Stimmlehre (ASSL) bei der Behandlung von Atem-, Stimm-, Sprech-, Sprach-, Hör- und Schluckstörungen sowie bei unterstützter Kommunikation.

Phoniatrie und Pädaudiologie in der Bundeswehr

Im Jahre 2013 votierte die Konsiliargruppe HNO im Sanitätsdienst der Bundeswehr dafür, in jedem Bundeswehrkrankenhaus einen Facharzt der jeweiligen Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde auch zum Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie zu qualifizieren. Dieses wurde bisher bei den Bundeswehr(zentral)krankenhäusern Hamburg, Koblenz und Ulm realisiert. Die 3 dort tätigen Fachärztinnen/Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie werden nachfolgend kurz vorgestellt. In 3 weiteren Beiträgen werden im wehrmedizinischen Kontext ausgewählte Aspekte des Fachgebiets präsentiert.

Die Phoniatrie und Pädaudiologie sieht sich im Klinikbetrieb und in der Zusammenarbeit mit den Truppenärztinnen und -ärzten als Schnittstelle zu allen Fachgebieten, die sich mittelbar oder unmittelbar um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der unverzichtbaren Grundfähigkeit jedes Soldaten/jeder Soldatin zur Kommunikation kümmern.

Oberfeldarzt Dr. Sandra Schmidt

E-Mail: sandra7schmidt@bundeswehr.org">sandra7schmidt@bundeswehr.org