Editorial

Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser!

kaum ein medizinisches Fachgebiet hat in den vergangenen Jahren die Grenzen der Therapie so herausragend verschoben wie die Dermatoonkologie. Was einst als infaustes Urteil beim metastasierten malignen Melanom galt, ist heute für viele Patientinnen und Patienten eine beherrschbare, mitunter heilbare Erkrankung geworden. Das Ihnen vorliegende Heft der Wehrmedizinischen Monatsschrift widmet sich zu großen Teilen diesem Fachgebiet, das für den Sanitätsdienst der Bundeswehr von hoher Relevanz ist. Bösartige Hauttumoren und ihre Vorstufen können die Einsatzfähigkeit unserer Soldatinnen und Soldaten unmittelbar beeinträchtigen. Mit dem Ziel, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und die dermatoonkologische Expertise innerhalb des Sanitätsdienstes zu festigen, wurde das Hauttumorzentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin im Jahr 2025 als erstes der Bundeswehr zertifiziert.

Hautkrebs ist der häufigste Organkrebs in Deutschland und unter militärischem Personal in besonderem Maße verbreitet. Eine retrospektive Patientenanalyse aus der dermatologischen Fachuntersuchungsstelle am Bundeswehrkrankenhaus Berlin zeigt eine alarmierende Prävalenz von rund fünf Prozent kutaner Malignome und ihrer Vorstufen in einer soldatischen Kohorte, und zwar mit einem auffällig jungen Medianalter bei Diagnosestellung. Die dienstlich bedingte UV-Exposition, sei es im Inland oder in ausländischen Einsatzgebieten, rückt damit als ernstzunehmender berufsbedingter Risikofaktor in den Fokus. Die Beiträge dieses Heftes beleuchten diesen Umstand sowohl aus epidemiologischer Perspektive als auch mit Blick auf präventive Konsequenzen sowie auf das truppenärztliche Management aktinischer Keratosen als Präkanzerose des Spinalzellkarzinoms. Diese Daten sind ein Aufruf zur Wachsamkeit, denn die frühzeitige Erkennung beginnt nicht beim Facharzt, sondern beim Truppenarzt.

Das maligne Melanom hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten eine tiefgreifende therapeutische Revolution erlebt. Durch den Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren und zielgerichteter Therapie haben sich bei Metastasierung deutlich mehr Patienten mit dauerhafter Krankheitskontrolle oder sogar langanhaltenden Vollremissionen entwickelt, im Vergleich zu früher, als die Prognose nahezu hoffnungslos war. Zwei Übersichtsarbeiten aus unserem Hauttumorzentrum greifen die zielgerichtete Therapie beim BRAF-mutierten Melanom sowie das Management immuntherapiebedingter Nebenwirkungen auf, denn mit zunehmender Wirksamkeit neuer Medikamente mit innovativen Wirkmechanismen wachsen auch die Anforderungen an eine frühzeitige, differenzierte Toxizitätserkennung. Diese Beiträge richten sich bewusst auch an Nicht-Dermatologen, denn wer die Behandlungskonzepte kennt, wird früher auf Nebenwirkungen aufmerksam und kann im entscheidenden Moment richtig zuweisen.

Ergänzend zum dermatoonkologischen Schwerpunkt dieser Ausgabe findet sich ein allergologischer Fallbericht, der exemplarisch vor Augen führt, welche diagnostische Tiefe die Dermatologie in unserem Sanitätsdienst jenseits der Onkologie bereithält. Allergologische Erkrankungen berühren nahezu alle klinischen Fachgebiete, von der Dermatologie über die HNO bis zur Inneren Medizin und Allgemeinmedizin und stellen gerade in der wehrmedizinischen Versorgung eine besondere Herausforderung dar. Der Fallbericht zeigt eindrucksvoll, dass sorgfältige Diagnostik und interdisziplinäres Denken nicht nur akademischen Wert haben, sondern im Zweifel über die Verwendungsfähigkeit und die Patientensicherheit entscheiden.

Ich wünsche Ihnen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.

Dr. Atakan Jordan
Flottillenarzt
Leiter des Hauttumorzentrums am Bundeswehrkrankenhaus Berlin