Editorial
Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser,
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist ein ganz besonderer Dienst. Er ist militärisch, er ist medizinisch. Er umfasst alle Approbationen und eine Vielzahl nicht hinwegzudenkender Fachberufe und weitere wesentliche Unterstützer, ohne die der Auftrag nicht zu erfüllen wäre. Es gibt wie immer Durchführer, Planer und Denker. Letztere ganz besonders für die Frage wissenschaftlicher Exzellenz.
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat dabei fraglos eine prominente und integrative Stellung als der medizinische Fachdienst innerhalb der Streitkräfte. Zunächst etabliert, um das Schicksal verwundeter Soldaten zu verbessern, musste er sich rasch weiterentwickeln, um den besonderen Ansprüchen der Versorgung großer und möglicherweise auch isolierter Menschenmengen unter spezifischen klimatischen Bedingungen und feindlicher Waffenwirkung zu entsprechen. Die Angehörigen des Sanitätsdienstes sind zu Recht Soldaten. Sie müssen das Leben im Einsatz teilen und verstehen, wie und warum die „Truppe“ handelt. Sie müssen aber vor allem auch die Fachleute für Medizin unter diesen Bedingungen sein. Neben mechanischen und thermischen Verletzungen haben infektiöse Erkrankungen oft kriegsentscheidende Rollen gespielt. Gerade bei der Prophylaxe, insbesondere der Impfung, spielte die Militärmedizin über die Zeiten hinweg stets eine wesentliche Rolle. Sanitätsdienste und die dort führenden Persönlichkeiten wurden zu Taktgebern der Wissenschaft.
Auch wenn heute die Vorreiterrolle der militärischen Medizin nicht mehr in dieser Form gegeben ist und die Forschung in der Zivilgesellschaft wesentliche Erfolge vorzuweisen hat, bestehen doch weiterhin Gebiete, die im Besonderen der Erfahrungswelt des Militärischen dienen. Sei es, weil die Fragestellungen dem Einsatz von Streitkräften direkt entsprechen oder, was meist noch häufiger der Fall ist, sich die Forschung im privat finanzierten Bereich „nicht lohnt“. Bei vorhandener wehrmedizinischer Relevanz steuern wir die Forschung selbst. Viele unserer Spitzenwissenschaftler sind habilitiert und hoch anerkannte Professoren an zivilen Universitäten. Nach erfolgreicher Forschung werden die Ergebnisse oft gerne aufgegriffen und weiterverwendet.
Wehrmedizin hat ihre zivile Entsprechung in der Katastrophenmedizin der staatlichen Daseinsvorsorge. Spätestens jetzt und im Angesicht des modernen und aktuell in der Ukraine gelebten Kriegsbilds ist nicht mehr wahrscheinlich, dass in einem künftigen Konflikt zwischen einer militärischen und zivilen Versorgung unterschieden werden kann. Die wechselseitige Unterstützung ist dann unabdingbar, und dies gerade auch vor dem Hintergrund des bereichsübergreifenden Wesens von Humanität und Wissenschaft.
Das jetzt vorliegende Heft soll sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen, die gerade diejenigen Fragen anreißen, die nicht in der aktuellen „Main-Stream-Forschung“ zum Tragen kommen. Es wird sich zunächst mit dem organisatorischen Überbau der Forschung in der Großinstitution Sanitätsdienst der Bundeswehr befassen, abgebildet an der Sanitätsakademie in München. Es folgen militärspezifische Fragestellungen wie der Schutz vor radioaktiver Strahlung, deren Diagnostik und Therapiemöglichkeiten. Im Weiteren liegen jetzt bereichsübergreifend Arbeiten zur Bedeutung, Aufklärung und Behandlung von infektiösen Erkrankungen wie Corona, Milzbrand oder Affenpocken vor. Letztendlich rundet die moderne Forschung an Geweben ohne Tierversuche das Heft ab. Besondere Würdigung erhalten dabei die sechs Ressortforschungsinstitute und die Bundeswehrkrankenhäuser, die die Erkenntnisse aus täglicher Arbeit oft in engem Kontakt mit den jeweiligen überregionalen Universitäten generieren.
Ich wünsche Ihnen ganz viel Spaß beim Lesen der Beiträge und Ihnen allen viel Erfolg bei der Arbeit zu Gunsten unserer Soldatinnen und Soldaten.
Herzlichst
Ihr Bernd Mattiesen
Generalarzt und Direktor Wehrmedizinische Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung Sanitätsdienst