Neukonzeption der Psychologischen Krisenintervention
Susanne Brunsa, Ulrich Wesemannb
aBundesministerium der Verteidigung, Bonn
bBundeswehrkrankenhaus Berlin, Psychotraumazentrum der Bundeswehr
Einleitung und Methodik
Seit den 1990er Jahren hat der Psychologische Dienst der Bundeswehr (PsychDstBw) psychologische Kriseninterventionsmaßnahmen durchgeführt. Die Ausbildung orientierte sich zunächst am Critical Incident Stress Management (CISM) nach Mitchell. Zuletzt lagen jedoch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die darauf hinwiesen, dass es kontraindiziert sein könne, wie bei CISM während Kriseninterventionsmaßnahmen zu tief auf die erlebten Gefühle einzugehen. Dies führte dazu, dass in den verschiedenen Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr die Psychologinnen und Psychologen sowie die Peers nicht mehr einheitlich ausgebildet wurden.
Ein weiterer Aspekt, den es zu bedenken galt, war, dass Traumafolgestörungen wie die PTBS nicht selten erst längere Zeit nach einem kritischen Ereignis einsetzen. Eine systematische Nachverfolgung der durch ein kritisches Ereignis Betroffenen gab es jedoch nicht, was die Früherkennung behinderte.
Dies war der Anlass für Dr. Ulrich Wesemann, Leiter der Forschungssektion am Psychotraumazentrum der Bundeswehr in Berlin, eine systematische Literatursuche in mehreren internationalen Datenbanken (u. a. in PubMed und PubPsych) mit verschiedenen Suchbegriffen durchzuführen, nach der letztlich 376 Artikel ausgewertet wurden. Aus dieser Literaturstudie leitete eine Expertengruppe aus unterschiedlichen Bereichen der Militärpsychologie Empfehlungen zur Neuausrichtung der Psychologischen Krisenintervention neu (PsychKI neu) ab.
Ergebnisse
Im Jahr 2023 führte der PsychDstBw schließlich die neue Vorgehensweise in der Psychologischen Krisenintervention ein. Die verschiedenen Maßnahmen werden nach Durchführungszeiträumen klassifiziert:
1. In der „Akutphase“ werden Interventionen zur Stabilisierung während oder kurz nach dem potenziell traumatisierenden Ereignis (psychologische Erste Hilfe) durchgeführt. Dazu gehört zum einen die Methode B.E.S.S.E.R., die von Kameradinnen und Kameraden zur unmittelbaren Stabilisierung durchgeführt werden kann: B.E.S.S.E.R steht für Binden – Einstehen – Sprechen – Stabilisieren – Engagieren – Rückführen und wurde entwickelt, um die Handlungsfähigkeit der Einsatzkräfte in Gefechtssituationen sicherzustellen.
Psychologinnen und Psychologen führen zum anderen Großgruppen-Informationsveranstaltungen (GIV) zur Psychoedukation durch, die sich insbesondere an Einsatzkräfte direkt nach dem Einsatz wenden.
2. In der sogenannten „Frühen Phase“ finden Frühinterventionen im Zeitraum von einem Tag nach einem potenziell traumatisierenden Ereignis bis zu vier Wochen nach dem Ereignis statt. Das Verfahren PIKE (Präventive Intervention nach einem kritischen Ereignis) wendet sich dabei an Personen mit einer besonders starken emotionalen Belastung und kann einzeln oder in Gruppen durchgeführt werden. PIKE enthält psychoedukative Elemente und Verhaltensempfehlungen, die geeignet sind, einer Stigmatisierung entgegen zu wirken.
Im Unterschied zu den Methoden des CISM wird in den frühen Interventionen nicht tiefergehend auf die in der potenziell traumatisierenden Situation erlebten Gefühle eingegangen, da dieses Vorgehen ein Risiko zur negativen Verstärkung birgt und damit als kontraindiziert gilt.
3. In der „Folgephase“ finden schließlich individualisierte Interventionen bis zu einem Zeitraum von 36 Monaten nach dem letzten potenziell traumatisierenden Ereignis statt. Hier kommen insbesondere auch unterschiedliche Fragebogenverfahren zur Messung von psychischen Belastungen zum Einsatz, die gewährleisten sollen, dass etwaige behandlungsbedürftige Symptome nicht übersehen werden. Ziel ist es, durch freiwillige Screenings Risikogruppen zu identifizieren und wenn nötig, Betroffene therapeutischer Hilfe zuzuführen.
Key Message
Mit der Umstellung auf dieses Verfahren hat der PsychDstBw einen effektiven und praktikablen Handlungsleitfaden für die Psychologische Krisenintervention in der Bundeswehr eingeführt. Die Ausbildung der Psychologinnen und Psychologen sowie der Peers in der PsychKI wurde angepasst und über die verschiedenen Ausbildungseinrichtungen harmonisiert. Der PsychDstBw bildet zudem Soldatinnen und Soldaten in der Methode B.E.S.S.E.R. aus, damit sie in der Akutphase in der Lage sind, nach potenziell traumatisierenden Ereignissen psychologische Erste Hilfe leisten zu können.
Für die Verfasser
Susanne Bruns
Bundesministerium der Verteidigung, P III 5
Fontainengraben 150, 53123 Bonn
E-Mail: susannebruns@bmvg.bund.de