GEDANKEN ZUM JAHRESBEGINN

Wie wir resilienter werden

Was tut uns gut im Jahr 2023?

Nun, diese Frage ist zunächst nur individuell zu beantworten. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Aus der Perspektive Führung und Management fällt es allerdings momentan schwer, schnelle und einfache Ratschläge zu geben, wie wir auf Dauer angesichts der Krisen und der politischen Lage in Deutschland eine adäquate Gesundheitsversorung anbieten können.

Spätestens nach dem 24. Februar 2022 muss sich jeder bewusst sein, dass sich die Welt gerade fundamental wandelt. Wir alle erleben hautnah eine Umwälzung der bisherigen Vorstellungen unseres Lebens. Malik bezeichnet diesen Prozess in seinem bereits 2000 erschienenen Buch „Führen Leisten Leben“ als die „Große Transformation21“. Allein der wissenschaftlich-technologische Fortschritt treibt Wirtschaft und Gesellschaft unweigerlich zu rasch wachsenden Abhängigkeiten und Komplexitäten. Besonders im Gesundheitswesen wird diese Entwicklung evident, weil uns Computerisierung, eHealth sowie die Nutzung künstlicher Intelligenz auf rasante Art und Weise ständig neue Erkenntnisse liefern. Die Menschen werden künftig ein höheres Lebensalter erreichen und in der Folge vermehrt auch teure Gesundheitsdienstleistungen abrufen. Indessen erfahren wir in Deutschland in allen Bereichen einen Fachkräftemangel, der das bisher gekannte hohe Niveau der Krankenversorgung auf Dauer gefährlich einschränken wird. Am Ende steht für die kommende Zeit die Erkenntnis, dass in der Medizin nicht mehr alles Machbare möglich sein wird – weil es nicht bezahlbar, nicht sinnvoll oder kein Zugang dazu erhältlich ist.

Die Entwicklung im Gesundheitswesen ist allen Verantwortlichen seit vielen Jahren bewusst. Doch es fehlte bisher die politische Kraft, grundlegend effizient und effektiv in diesen Prozess einzugreifen, weil die Interessen aller Beteiligten darin zum Teil unüberwindlich verwickelt sind. Letztlich stellt sich auch immer die Frage der Finanzierbarkeit des Systems. Die Corona-Krise hat den Fachkräftemangel allerdings so eskaliert, dass z.B. Notfallaufnahmen oder Kinder-Intensivstationen das Behandlungsangebot massiv einschränken müssen. Für die Behandlung gefährlich Erkrankter bedeutet das, dass sie sich möglicherweise in akuter Lebensgefahr befinden, wenn man ihnen nicht helfen kann. Im Bereich Notfall- und Intensivmedizin steuern wir alle gerade ohne schnellen Ausweg in eine gewaltige Sackgasse. Dieser Essay will Ängste nicht auf die Spitze treiben, er will vielmehr den Leserinnen und Lesern Impulse geben, diese Veränderungen kritisch zu bewerten und das eigene Gesundheitsverhalten anzupassen.

Für das Jahr 2023 drängt sich die Frage auf, wie man das alles aushalten soll: Krisen aller Art, Krieg in der Ukraine und all diese düsteren wirtschaftlichen Perspektiven. Daher sollte eine Beurteilung der Lage realistisch erfolgen. Vielleicht zur Abwechslung mal im Sinne einer SWOT-Analyse, wie sie aus dem Management bekannt ist, als „Analysis of strengths, weakness, opportunities and threats“ – als eigene Positionierungsanalyse, wo man in dieser Welt steht. Hier beginnt bereits die Prävention von Gesundheitsschäden.

Fakt ist, dass wir gegenwärtig einer gewaltigen evolutionären Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft unterliegen, ohne deren Ausgang vorhersehen zu können. Zu akzeptieren ist, dass wir uns diesem Wandel eigenverantwortlich anpassen. Hieraus ergibt sich die klare Erkenntnis, dass wir unsere Schaffenskraft, aber auch unsere Abwehrkräfte, d.h. die Resilienz, stärken müssen, wenn wir die komplexen Herausforderungen meistern wollen.

Wie soll das denn gehen und was tut uns gut?

Das Fundament zur Stärkung der Resilienz liegt im Selbstmanagement und der Organisation des eigenen Lebens. Hierzu existieren Massen an Ratgebern in Form von Videos, Podcasts und ­Büchern, die möglicherweise alle recht haben. Ein wesentlicher Faktor soll an dieser Stelle herausgestellt werden: Angesichts der heutigen Geschwindigkeit und Direktheit der Kommunikation muss dem Aspekt „Zeitmanagement“ besondere Beachtung geschenkt werden. Einteilung und ­Abstimmung des Terminkalenders gewinnen eine elementare Bedeutung dahingehend, der eigenen Regeneration der Kraftreserven mehr Raum geben zu müssen. Dazu gehören auch die Disziplinen Sport und Bewegung, die in diese Regeneration zwingend inkludiert sein müssen. Alles Binsenweisheiten – man muss es halt machen – Eigenverantwortung eben.

Am Ende steht trotz alledem die Zuversicht, dass wir das alles schaffen.

Ihr

Prof. Dr. Horst Peter Becker

Generalarzt a.D.