Kardiovaskuläre Primärprävention – Evidenzupdate für die S3-Leitlinie „Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention“

Jörg Haasenritter

Der Vortrag beleuchtet ausgewählte Ergebnisse des Evidenzupdates zur S3-Leitlinie „Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention“ (AWMF RN 053–024).

Nutzen eines Screenings

Im Evidenzupdate fanden sich keine Hinweise auf den Nutzen eines systematischen im Vergleich zu einem opportunistischen oder keinem kardiovaskulären Risiko-Assessment bei Menschen ohne klinisch manifeste kardiovaskuläre Erkrankung: Gesamtsterblichkeit (RR 0,98 [95%KI:0][93–1][03]; geringe Qualität der Evidenz); Auftreten koronarer Ereignisse (RR 1,01 [95%KI:0][95–1][07]; geringe Qualität der Evidenz); Auftreten eines Schlaganfalls (RR 0,99 [95%KI:0][90–1][07]; geringe Qualität der Evidenz) [2]. Entscheidungsgrundlage sollten nicht einzelne Risikofaktoren, sondern das absolute kardiovaskuläre Gesamtrisiko sein. In Deutschland stehen validierte Scores zur Schätzung des objektiven kardiovaskulären Risikos zur Verfügung (z. B. SCORE Risk Charts (SCORE2, SCORE2-OP), arriba®).

Behandlungsoptionen

Neben den nicht-medikamentösen (Be-)Handlungsoptionen (Ernährungsumstellung, Rauchstopp, Bewegung) zählen zu den medikamentösen Behandlungsoptionen Blutdrucksenkung, Thrombozytenaggregationshemmung (ASS in niedriger Dosierung) und Lipidsenkung (Statine). Aufgrund des Nutzen-Schadensprofils kann ASS in der kardiovaskulären Primärprävention allenfalls bei einem hohen kardiovaskulären Ausgangsrisiko > 20 % in Betracht gezogen werden: kardiovaskuläre Ereignisse (OR 0,90; [95%-KI][0][85–0][95]; hohe Qualität der Evidenz); kardiovaskuläre Mortalität (OR 0,95; [95%-KI][0][86–1][05]; moderate Qualität der Evidenz); Gesamtmortalität (OR 0,98; [95%-KI][0][93–1][03]; moderate Qualität der Evidenz); schwerwiegende Blutungen (OR 1.44 [95%-KI1.32–1.57]; ]; hohe Qualität der Evidenz) [4].

Statine haben im Vergleich hierzu ein deutlich besseres Nutzen-Schadensprofil. Für den indirekten Vergleich geringe versus moderate versus hohe Dosierung findet sich bei Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung kein klarer Hinweis auf eine Dosis-abhängige Wirkung, wobei in den Studien mehrheitlich Statine in moderater Dosierung verabreicht wurden [1]. Für den indirekten Vergleich Zielwert-Strategie versus Strategie der festen Dosis findet sich bei Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung kein klarer Hinweis auf eine Überlegenheit der Zielwert-Strategie [2]. Entscheidet sich ein Betroffener bei einem kardiovaskulären Risiko > 20 % für eine lipidsenkende medikamentöse Therapie, erscheint eine Therapie mit einem Statin in fixer, moderater Dosierung als eine angemessene Option.

Entscheidungsfindung

Entscheidungshilfen sollen Menschen in die Lage versetzen zwischen verschiedenen Behandlungsoptionen auf Grundlage valider Informationen und ihrer jeweiligen individuellen Präferenzen zu wählen. arriba® [3] ist eine für die kardiovaskuläre Primärprävention validierte Entscheidungshilfe [5].

Fazit

In einer evidenzbasierten Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention bewerten Patientinnen und Patienten wie Ärztinnen und Ärzte auf Grundlage des kardiovaskulären Gesamtrisikos gemeinsam Nutzen und Schaden verschiedener Handlungsoptionen und wählen die geeignetste(n) aus.

Literatur

  1. Chou R, Cantor A, Dana T, et al: Statin Use for the Primary Prevention of Cardiovascular Disease in Adults: A Systematic Review for the U.S. Preventive Services Task Force. Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality (US); 2022. , letzter Aufruf 28. September 2024. mehr lesen
  2. Dyakova M, Shantikumar S, Colquitt JL, et al: Systematic versus opportunistic risk assessment for the primary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev 2016; 2016(1): CD010411 mehr lesen
  3. Gesellschaft für Patientenzentrierte Kommunikation: , letzter Aufruf 28. September 2024. mehr lesen
  4. Guirguis-Blake JM, Evans CV, et al: Aspirin Use to Prevent Cardiovascular Disease and Colorectal Cancer: An Evidence Update for the U.S. Preventive Services Task Force Evidence Synthesis No. 211. AHRQ Publication No. 21-05283-EF-1. Rockville: Agency for Healthcare Research and Quality; 2022. mehr lesen
  5. Krones T, Keller H, Sonnichsen A, et al: Absolute cardiovascular disease risk and shared decision making in primary care: a randomized controlled trial. Ann Fam Med 2008; 6(3): 218–227. mehr lesen

Verfasser

Dr. Jörg Haasenritter
Philipps-Universität Marburg
Institut für Allgemeinmedizin
Karl-von-Frisch-Straße 4, 35032 Marburg
E-Mail: joerg.haasenritter@uni-marburg.de

Die App arriba® kann hier heruntergeladen werden.