Leserbrief zur Publikation

Jänig C, Hossfeld B. Prähospitale Transfusion im zivilen und militärischen Bereich: Systematische Evidenzanalyse zu lyophilisiertem Plasma, Erythrozytenkonzentraten, Vollblut und Fibrinogen. WMM 2026;70(5):231–238.

Sehr geehrte Redaktion der Wehrmedizinischen Monatsschrift,

herzlichen Glückwunsch zum Monatsheft Mai 2026. Es thematisiert in einer sehr guten Übersicht das Thema Blut und die Blutkomponententherapie.

Der Beitrag der Kollegen Christoph Jänig und Björn Hossfeld widmet sich der Evidenzlage zur prähospitalen Bluttransfusion und bietet eine kompakte Übersicht für die Leserin und den Leser der WMM. Die Studien sind sehr gut recherchiert und aufgearbeitet. Leider offenbart sich jedoch eine Schwäche bei der Schlussfolgerung und dem Fazit, was in der Leserschaft nicht ganz richtige Annahmen erzeugt. Hier nimmt sich der Artikel selbst die Möglichkeit, den entscheidenden Impact für die sanitätsdienstliche Versorgung der Zukunft und deren Ableitungen zu generieren.

Schaut man sich die zitierte Studie von Shackelford et al. (2017) genauer an, erkennt die geneigte Leserin und der geneigte Leser, dass der Überlebensvorteil der Transfusion nur innerhalb eines Zeitfensters von höchstens 15 Minuten besteht (HR 0,17; p=0,02). Bei einer Transfusion nach 16 Min. war kein signifikanter Überlebensvorteil mehr nachweisbar. Es handelt sich hierbei um einen extrem zeitkritischen Vorteil.

Dieser Punkt fehlt mir vollständig in den Schlussfolgerungen und im Fazit. Der „kontextabhängige Effekt“ basiert nicht nur auf den vier genannten Punkten, sondern wesentlich auch auf dem Zeitpunkt der Gabe. Dieses Problem gilt es, beim Gefechtsfeld der Zukunft mit seiner Technological Exclusion Zone anzugehen.

In Conclusio bedeutet dies, dass wir nicht nur die Chirurgie zum Verwundeten bringen müssen, sondern auch das Blut!

Oberfeldarzt i.G. Dr. Daniel Christian Hinck, M.Sc.
Referatsleiter MED Policy
Abteilung JMed/Operatives Führungskommando der Bundeswehr
E-Mail: danielchristianhinck@bundeswehr.org">danielchristianhinck@bundeswehr.org

Antwort der Autoren

Sehr geehrter Kollege Hinck,

wir danken Ihnen ausdrücklich für Ihre Zuschrift sowie die differenzierte Auseinandersetzung mit unserem Beitrag zur prähospitalen Blutproduktgabe.

Sie heben einen entscheidenden Aspekt hervor: die ausgeprägte Zeitabhängigkeit des Effekts prähospitaler Transfusionsstrategien. Insbesondere die Daten von Shackelford et al. zeigen eindrücklich, dass die Daten aus Afghanistan einen Überlebensvorteil vor allem für Transfusionen innerhalb eines sehr frühen Zeitfensters bestätigen, der mit zunehmender Verzögerung deutlich abnimmt.

Allerdings sehen wir ein grundlegendes Problem in der Frage nach einem Überlebensvorteil. Im Rahmen der ‚evidence-based medicine‘ sind Wissenschaftler bemüht, Verbesserungen im Outcome der Patienten zu beweisen. Traumaversorgung ist jedoch, wie wir alle wissen, ein äußerst komplexes multidisziplinäres Feld aus Notfallversorgung, Stabilisierung im Schockraum, diversen operativen Eingriffen, Intensivtherapie und Rehabilitation. In diesem vielschichtigen Umfeld den Einfluss einer prähospitalen ­Transfusion auf das Überleben, z. B. nach 30 Tagen, zu untersuchen, hat nach unserer Betrachtung denselben Stellenwert wie den Effekt eines Energiedrinks im Basislager auf den Gipfelerfolg am Mount Everest beweisen zu wollen.

Ziel unseres Artikels war insbesondere ein Evidenzabgleich zwischen zivilen europäischen, US-amerikanischen und militärischen Versorgungssystemen. Die Unterschiede der Ergebnisse lassen sich aus unserer Sicht wesentlich durch die Dauer der prähospitalen Phase sowie die jeweiligen strukturellen und taktischen Rahmenbedingungen erklären, nicht jedoch durch die prähospitale Transfusion allein.

Dementsprechend war uns eine bewusst vorsichtige Formulierung der Schlussfolgerungen wichtig.

Die angesprochene Arbeit von Shackelford et al. stellt eine hochrelevante militärmedizinische Registeranalyse unter Realbedingungen prolongierter Evakuierung dar und liefert wichtige Hinweise auf einen potenziellen Nutzen einer frühen Hämotherapie. Dennoch handelt es sich – wie bei vielen militärmedizinischen Publikationen – um eine retrospektive Beobachtungsstudie mit den bekannten Limitationen möglicher Selektions- und Survivorship-Bias. Zudem analysieren und vergleichen viele Arbeiten unterschiedliche Hämotherapiestrategien, darunter Vollblut-, Plasma- und Komponentenstrategien, sodass die kausale Zuordnung einzelner Effekte weiter erschwert wird.

Aus unserer Sicht der Autoren erlaubt die derzeitige Evidenzlage daher keine generelle, systemunabhängige Empfehlung, auch wenn wir die Auffassung ausdrücklich teilen, dass eine frühzeitige Hämotherapie bei prolongierter Versorgung und schwerer Hämorrhagie einen positiven Einfluss auf das Überleben haben kann.

Unter Bedingungen prolongierter Evakuierung, eingeschränkter Luftüberlegenheit und sogenannter „tech­nological exclusion zones“ gewinnt die frühzeitige ­Bereitstellung hämostatisch wirksamer Blutprodukte entscheidend an Bedeutung. Dies spiegelt sich inzwischen auch in der neuen Konzeption „Versorgung mit Blutprodukten in der Bundeswehr“ wider, die die Bereitstellung von Blutprodukten bereits in der Prähospitalphase ausdrücklich berücksichtigt.

Im Namen der Autoren

Flotillenarzt Dr. Christoph Jänig
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin
BundeswehrZentralkrankenhaus Koblenz
Rübenacher Str. 170, D-56072 Koblenz
E-Mail: christoph.jaenig@gmail.com