Gesundheitsfürsorge – „Pro-vention“
Roland Nüsse
Hintergrund
Hochkomplexe Waffensysteme wie der Eurofighter verdienen vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen eine besondere Betrachtung sowohl des Faktors als auch der Ressource Mensch. In der besonderen Arbeitsumgebung eines Kampfjet-Cockpits limitieren vor allem physische und psychische Leistungsgrenzen die Gesamtleistung dieses Mensch-Maschine-Systems.
Methoden und Verfahren zur Erweiterung dieser Grenzen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie helfen, den individuellen wie kollektiven Einsatzwert der Waffensysteme zu steigern und die Flugsicherheit zu erhöhen.
Beim Taktischen Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“ wurde 2011 durch den Fliegerarzt ein Konzept zur Gesundheitsfürsorge (Arbeitsbegriff „Pro-vention“) nach dem Salutogenese-Modell von Antonovsky etabliert, das neben einem umfassenden Angebot individualisierter gesundheitsfördernder Maßnahmen ein Programm zur Leistungssteigerung als auch -optimierung („Human Performance Modification“ – HPM, Arbeitsbegriff „fit2fly“) beinhaltet.
Individuelles Training
Zuversetzte Piloten werden im Rahmen einer sportmedizinischen Grunduntersuchung hinsichtlich etwaiger trainingslimitierender Auffälligkeiten sportmedizinisch, sportphysiotherapeutisch und sportwissenschaftlich untersucht. Die Befunde werden interdisziplinär bewertet. Der Fliegerarzt gibt im Anschluss einen ebenfalls interdisziplinär erstellten Trainingsplan frei, der drei Trainingsphasen umfasst. In einer mehrwöchigen Re-Set-Phase werden die Piloten unter Anwendung sportphysiotherapeutischer Methoden auf die folgenden Trainingsphasen vorbereitet. Unter sportwissenschaftlicher Leitung schließt sich ein anforderungsorientiertes Training an, das in einem anforderungsoptimierten Training mündet. Jede Trainingseinheit ist streng individuell ausgerichtet. Schulungen und flugpsychologische Coaching-Einheiten flankieren das Training.
Abb. 1: Individualisierte Gesundheitsfürsorge am Beispiel eines Eurofighter-Piloten: Gerätegestütztes geführtes Training der Hals- und Nackenmuskulatur unter Anleitung durch einen Sportphysiotherapeuten (links), Funktionelles Training der Schultern und oberen Wirbelsäule durch den Sportwissenschaftler (Mitte) und Mobilisation der HWS durch eine Sportphysiotherapeutin (rechts). Die jeweiligen Übungen/Maßnahmen sind im Detail auf die individuelle Situation des Piloten abgestimmt. (Bild: Bundeswehr/TaktLwG 31 „Boelcke“)
Ressourcen
Zur Verfügung steht ein sportmedizinischer Trainingsbereich mit umfangreicher Ausstattung inkl. speziell für das präventive Rückentraining entwickelter Großgeräte und dem 3-D-Trainingsgerät Space Curl®. Die Sportanlagen des Geschwaders inkl. des Schwimmbades werden mit einbezogen. Zum Betreuungsteam gehören ein weiterbildungsberechtigter Sportmediziner, weitere Fliegerärzte, Sportphysiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Assistenzpersonal sowie eine assignierte Flugpsychologin. Schnittstellen gibt es zum Projekt „Flugdienstoptimierte Ernährung“. Die eigenen Ressourcen ließen sich in der Vergangenheit auch für ambulante flugmedizinisch ausgerichtete Rehabilitationsmaßnahmen erfolgreich verwenden. Zur Verdichtung von Trainingserfolgen oder bei Notwendigkeit einer stationären sportmedizinischen Rehabilitation steht im Bedarfsfall mit einer kompetenten Sportrehabilitationsklinik in Süddeutschland ein verlässlicher Partner zu Verfügung.
Pro-Vention
Bewährte Verfahren der Primär-, Sekundär- und Tertiär-Prävention i. S. der Vorsorge haben den Erhalt oder die Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit zum Ziel. Sie werden weiterhin ihren Stellenwert in der flugmedizinischen fliegerärztlichen Tätigkeit behalten.
Unter dem Begriff „Pro-vention“ werden in Nörvenich alle Maßnahmen zur Gesundheitsförderung proaktiv, also fortlaufend, am gesunden Piloten und daher fürsorglich im Sinne des salutogenetischen Modells angeboten. Die Wortschöpfung „Pro-vention“ vereinbart die Begriffe „pro“ (lat. „für“) mit „vention“ (lat. „venire“: „kommen“) und steht für die fürsorgliche, aktiv gestaltete, individualisierte Programmausrichtung in Abgrenzung und doch zugleich logischer Nähe zur klassischen Prävention. Die bewährte flugmedizinische Gesundheits-vor-sorge mit ihren Bereichen Arbeitsschutz, Verhaltens- und Verhältnisprävention wird so um die neu entwickelte Gesundheits-für-sorge incl. der Maßnahmen aus HPM erweitert.
Potenzial und Handlungsfelder
„Pro-vention“ ist aus unserer Sicht geeignet, als Muster für ein ganzheitliches, streng individuell ausgerichtetes, komplementärmedizinsches Betreuungsmodell für ausgewähltes Spitzenpersonal zu dienen. Aus arbeitsmedizinischer Sicht lässt sich der Bedarf an Arbeitsplatzanalysen im Flugbetrieb der Bundeswehr zur Erhebung von Einstellungs- und Begutachtungskriterien sowie zur optimalen Trainingsgestaltung hervorheben. Diesbezüglich besteht nach wie vor großer Forschungsbedarf. Präventivmedizinisch ist der Effekt auf Ausfallzeiten von Interesse und könnte Thema einer prolongierten Betrachtung sein.
Weitere Forschungs- und Anwendungsfelder bestehen nach unserer Auffassung in den Bereichen
- Sportmedizin (Return to Competition),
- Flugmedizin (Return to Flight, Human Performance Limitations, Enhancement, Degradation, Modification und Human System Integration),
- Sportwissenschaft (Individuelles Training),
- Ökotrophologie (Flugdienstoptimierte Ernährung),
- Sportphysiotherapie (Rehabilitation, Medizinische Trainingstherapie im High-G-Flugbetrieb),
- Flugpsychologie (Mental Fitness) sowie
- Personalmanagement in der Bundeswehr (Begutachtungswesen, Personalregeneration und -bindung, Corporate Identity etc.).
Weiterführender Link
- Nüsse R: „Pro-vention“– ein Modell zur Gesundheitsfürsorge und psycho-physischen Leistungsoptimierung für Eurofighter-Piloten der Luftwaffe. WMM 2015; 59(9): 306-311. mehr lesen
Verfasser
Oberfeldarzt Dr. Roland Nüsse
Taktisches Luftwaffengeschwader 31 „Boelcke“
Fliegerarzt
Oswald-Boelcke-Allee 1, 52388 Nörvenich
E-Mail: rolandnuesse@bundeswehr.org