54. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. – Workshop-Bericht
Einsatzbedingte Komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen und wie wir sie behandeln können
Im Rahmen des 54. DGWMP e. V. Jahreskongresses in Ulm gab es auch dieses Jahr am 2. Kongresstag ein vielfältiges Workshopangebot aus unterschiedlichsten Fachbereichen. Einer davon beschäftigte sich mit komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS/KPTBS).
Oberregierungsrätin Dr. phil. Jennifer Spohrs, stellvertretende Leitende Psychologin der Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumatologie des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, hielt in diesem Rahmen ihren Workshop unter dem Titel „Einsatzbedingte PTBS/KPTBS – narrative Expositionstherapie (NET) als Behandlungsoption“ ab. Hierzu fand sich eine Vielzahl an Interessierten im Saal ein, nicht nur aus dem Fach Psychiatrie bzw. Psychologie, sondern auch aus den Bereichen Neurologie und besonders Allgemeinmedizin. Nicht zu vergessen studierende Sanitätsoffizieranwärterinnen und -anwärter.
Dr. Spohrs begann ihre Präsentation mit einem Foto aus Burundi, wo sie im Rahmen ihres Studiums ein Auslandssemester verbracht und viel Kontakt mit Patientinnen und Patienten gehabt hatte, deren Leben durch traumatische Ereignisse geprägt worden war. Die im ICD mit F43.1 bezifferte Posttraumatische Belastungsstörung „entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ (ICD 10), erklärte die Oberregierungsrätin zu Beginn. Studien, so Dr. Spohrs, hätten in Risikopopulationen eine Prävalenz von 58 % für die PTBS ermittelt, was die besondere wehrmedizinische Relevanz dieses Themas hervorhob.
Trauma erleben – was passiert im Körper
Doch was passiert eigentlich im menschlichen Körper beim Erleben eines Traumas? Hierzu erklärte Dr. Spohrs zunächst die Anteile des Nervensystems, die beteiligt sind: Zum einen das vegetative Nervensystem mit dem Sympathikus für die Fluchtreaktionen und der Parasympathikus für Funktionen wie Verdauung und zur Ruhe kommen. Eine große Rolle in traumatischen Situationen spiele vor allem auch die Amygdala als Teil des zentralen Nervensystems in der Tiefe unseres Gehirns. Dieses kleine Kerngebiet, zuständig für Verarbeitung von Emotionen, insbesondere auch Angstreaktionen, stellte sie anschaulich für die Zuhörenden da, indem sie ihre Hand als Gehirnmodell verwendete (Abbildung 1).
Abb. 1: Oberregierungsrätin Dr. phil. Jennifer Spohrs bei ihrem Vortrag im Workshop PTBS
Auch wenn die Ätiologie und Pathophysiologie der PTBS heute noch nicht vollständig geklärt sei, so sei eine Theorie, dass durch die gesteigerte Aktivität der Amygdala traumatische Erlebnisse nicht korrekt im Gedächtnis abgespeichert und so immer wieder durch Patientinnen und Patienten erlebt würden, was sich dann in den unterschiedlichsten Symptomen zeige.
Narrative Expositionstherapie (NET)
Die S3-Leitlinie der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie empfiehlt für die Therapie PTBS- Erkrankter die Trauma fokussierte Psychotherapie. Als eine Möglichkeit hierfür kommt die von Dr. Spohrs vorgestellte Narrative Expositionstherapie in Frage. Ziel dieser sei, die „Reintegration der traumatischen Ereignisse in das autobiographische Gedächtnis“ bzw. die „Habituation der Angst durch Exposition“ zu erreichen. Im Konkreten bestünde eine Traumatherapie dann zunächst aus Diagnostik, Psychoedukation und der Lifeline, aufgeteilt auf mehrere Sitzungen.
Bei der Lifeline, so erklärte die Oberregierungsrätin, handele es sich um den Lebens-Zeitstrahl der Betroffenen, beginnend bei der Geburt bis ins Jetzt. Im Rahmen der Therapie würden Patientinnen und Patienten ihre Lifeline legen und mittels Steinen schwere Erlebnisse und mittels Blumen für sie positive Erlebnisse auf dem Strahl kennzeichnen. Die traumatischen Erlebnisse würden dann im Folgenden, während der NET-Sitzungen bearbeitet werden.
Um das ganze verständlicher zu gestalten, lud Dr. Spohrs die Workshopteilnehmenden dann selbst dazu ein, eine Lifeline zu legen. In die Patientinnen- bzw. Patientenrolle zu schlüpfen, fiel anfangs allen im Raum schwer, doch nach kurzer Zeit trauten sich einige nach vorn und teilten mit der Gruppe je ein positives und ein belastendes Erlebnis der eigenen Vergangenheit und legten dafür eine Blume oder einen Stein neben das auf dem Boden liegende Seil (Abbildung 2).
Abb. 2: Das Legen einer „Lifeline“ mit Blumen für positive, mit Steinen für negative Erlebnisse.
Zum Abschluss demonstrierte Dr. Spohrs dann gemeinsam mit Oberstarzt Dr. Reuther, klinischer Direktor der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumatologie des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, wie NET-Sitzungen aussehen können.
Fazit
Zusammenfassend durfte man einem unglaublich spannenden Workshop beiwohnen, in welchem der komplexen Theorie praktische Einheiten folgten. Die Relevanz des Themas stand hierbei außer Frage.
Vielen Dank an Oberregierungsrätin Dr. phil. Jennifer Spohrs für diesen großartigen Workshop und die vielfältigen Einblicke in ihre Arbeit am Bundeswehrkrankenhaus Ulm.
Verfasserin
Lt (SanOA) Ann-Cathrin Hollstein, Göttingen