Editorial
Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser,
als wir im Herbst 2021 das vor Ihnen liegende Schwerpunktheft „Luft- und Raumfahrmedizin“ der Wehrmedizinischen Monatsschrift planten, konnte noch niemand ahnen, dass sich die weltpolitische Lage so dramatisch ändern würde, wie sie es mit dem russischen Überfall auf die Ukraine tat. Der bereits zuvor eingeleitete Prozess der Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung hat damit eine unerwartete Beschleunigung erfahren.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine führt uns dabei mehr als eindrucksvoll vor Augen, welche Bedeutung Luftmacht für die Verteidigung einer Nation bzw. eines Bündnisses hat und was geschieht, wenn die Bevölkerung schutzlos rücksichtslosen Luftangriffen ausgesetzt ist.
Erringen und Erhalt von Luftmacht setzt voraus, dass komplexe Waffensysteme vom Boden und aus der Luft in einem vernetzten System eingesetzt werden können. Dieses erfordert zum einen entsprechende Technik – Luftfahrzeuge, Abstandswaffen, Aufklärungs- und Führungssysteme –, andererseits Menschen, die optimal ausgewählt, ausgebildet und trainiert sind. Für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit dieses Personals trägt der Fliegerärztliche Dienst der Bundeswehr die Verantwortung. Dabei spielen neben der Prävention und der medizinischen Behandlung im Krankheits- bzw. Verletzungsfall auch Maßnahmen zur Optimierung der Leistungsfähigkeit in komplexen Mensch-Maschine-Systemen, mit denen wir es in der Luftfahrt zu tun haben, eine besondere Rolle (Human Performance Optimization and Enhancement). Anwendungsorientierte Forschung in der Luft- und Raumfahrtmedizin liefert wichtige Beiträge für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Luft- und Raumfahrt und ist damit mittelbar ein Element zum Erreichen von Luftmacht.
Die 66. Fliegerarzttagung der Bundeswehr, die im November 2021 in Bonn stattfand, konnte eindrucksvoll die aktuellsten Forschungsergebnisse aufzeigen; ausgewählte Kurzbeiträge von der Tagung finden Sie in dieser Ausgabe. Hervorzuheben sind die Entwicklung einer weltweit beachteten Schutzbrille gegen Laserstrahlen sowie die Untersuchung der Auswirkungen von Überdruckbeatmung im Rahmen von Anti-G-Manövern auf die Lungenfunktion, die in umfangreicheren Beiträgen vorgestellt werden.
Im Herbst dieses Jahres ist der Umzug wesentlicher Teile des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe nach Köln auf das Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) vorgesehen. Gemeinsam mit dem DLR und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) entsteht hier ein Campus, der über die Bundeswehr hinaus Bedeutung erlangen wird. Über diese Entwicklung wird in einer späteren Ausgabe berichtet.
Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre dieses Heftes. Uns allen wünsche ich, dass es in Europa rasch zur Wiederherstellung einer stabilen und dauerhaften Friedensordnung kommt.
Ihr
Generalarzt Dr. Bernhard Groß
Generalarzt der Luftwaffe