Tirbanibulin – eine neue interessante Alternative zur Behandlung aktinischer Keratosen
Celine Müller, Daniela Meine, Guido Weisel
Seit September 2021 ist in Deutschland mit Tirbanibulin (Klisyri®) ein weiteres Medikament zur topischen Flächentherapie aktinischer Keratosen zugelassen. Bereits im Dezember 2020 erfolgte die Zulassung in den USA durch die U.S. Food and Drug Administration (FDA) [4].
Tirbanibulin-Salbe ist indiziert bei Erwachsenen, die nicht-hyperkeratotische, nicht-hypertrophe aktinische Keratosen (Olsen-Grad I) am Kapillitium oder im Gesicht aufweisen. Der zugrundeliegende Wirkstoff ist Tirbanibulin in einer Konzentration von 1 %. Tirbanibulin bindet an Tubulin und hemmt somit die Formation und Ausbildung des Spindelapparates. Diese Inhibition führt durch einen Zellzyklusarrest zu einer Aktivierung des Apoptose-Signalweges der proliferierenden Zellen. Ebenso wird der Src-Tyrosinkinase (körpereigenes Protein aus der Familie der Tyrosinkinasen)-Signalweg gehemmt, der die Invasion von Plattenepithelkarzinomen fördert [1][2][7].
In klinischen Phase III-Studien zeigten die Patienten, die Klisyri® anwendeten, am 57. Tag in 49 % der Fälle eine vollständige Remission und in 72 % der Fälle eine partielle Remission mit einem 75 %igen Rückgang der aktinischen Keratosen. Tirbanibulin war in der Studie dem Placebo signifikant überlegen [3].
Auch durch die bereits verfügbaren Flächentherapien können subklinische Läsionen therapiert werden. Jedoch führen die zum Teil lange Therapiedauer, die Häufigkeit der Anwendungen und lokale Hautreaktionen zu einer Einschränkung der Therapieadhärenz. Tirbanibulin-Salbe hingegen wird nur einmal täglich an fünf aufeinanderfolgenden Tagen angewendet. Die Applikation der Salbe sollte auf einem Behandlungsgebiet von bis zu 25 cm2 in einer dünnen Schicht erfolgen. Rund acht Wochen nach Behandlungsbeginn ist eine Beurteilung des Therapieerfolges möglich. Damit ist die Therapie mit Tirbanibulin aktuell die schnellste topische Flächentherapie bei aktinischen Keratosen [6][7].
Im Vergleich zu 5-Fluorouracil, Imiquimod Creme und Diclofenac Gel, die bei Anwendung zu Nekrosen, Angioödemen und Arthralgien führen können, weist Tirbanibulin eine günstigere Nebenwirkungsrate auf. Folgende Nebenwirkungen sind bei der Behandlung mit Tirbanibulin beschrieben: Juckreiz, Schmerzen, Erytheme, Schuppungen, Verkrustungen, Schwellungen, Blasenbildung, Erosionen und Ulzerationen. Ein Anteil von 9 % der Patienten zeigte eine vermehrte Schuppenbildung, 6 % ein intensiviertes Erythem und 2 % eine starke Verkrustung. Somit stellt die Behandlung von aktinischen Keratosen mit Tirbanibulin eine wirksame Therapieoption mit einer kürzeren Behandlungszeit und einem besseren Sicherheitsprofil im Vergleich zu den Alternativen dar [5][6].
Aufgrund der Tirbanibulinwirkung auf den Src-Tyrosinkinase-Signalweg könnte es in Zukunft möglicherweise weitere Indikationen für die Anwendung dieser Substanz geben. Zum Beispiel kann das Humane Papilloma Virus (HPV) 16 die Expression der Kinasen der Src-Familie hochregulieren. HPV 16 gilt unter den HPV-Subtypen als das Virus mit dem höchsten onkogenen Potenzial und ist bekannt als Auslöser für Tumoren im Mund- und Rachenbereich sowie von Zervix-, Vagina-, Vulva-, Penis- und Analkarzinomen. HPV gehören unter anderem zu den Hauptauslösern von Condylomata acuminata.
Eine Fallserie von fünf Patienten, die aktuell im Juli 2023 veröffentlicht wurde, zeigt die klinische Reaktion von Condylomata acuminata und hochgradigen Plattenepithelkarzinomen der Vulva durch HPV 16 auf eine topische Therapie mit Tirbanibulin [8]. Die Patienten erhielten vor der Behandlung mit Tirbanibulin eine frustrane Therapie mit Sinecatechins-Salbe (Veregen®) 15 %. Bei allen fünf Teilnehmern konnte mit Tirbanibulin eine vollständige Remission nach 1 bis 5 Anwendungszyklen beobachtet werden. Dennoch sind weitere und größere Studien zur Prüfung der Wirksamkeit von Tirbanibulin-Salbe zur topischen Therapie von Condylomata acuminata und hochgradigen Plattenepithelkarzinomen nötig.
Literatur
- Berman B, Grada A, Berman DK: Profile of Tirbanibulin for the treatment of actinic keratosis. J Clin Aesthet Dermatol 2022; 15(10 Suppl 1): S3–S10. mehr lesen
- Blauvelt A, Kempers E, Lain T, et al: Phase 3 trials of Tirbanibulin ointment for actinic keratosis. N Engl J Med 2021; 384: 512-520. mehr lesen
- Dao DD, Sahni VN, Sahni DR, et al: 1% Tirbanibulin ointment for the treatment of actinic keratoses. Ann Pharmacother 2022; 56(4): 494-500. mehr lesen
- Dymond A, Green W, Edwards M, et al: Economic evaluation of Tirbanibulin for the treatment of actinic keratosis in Scotland. Pharmacoecon Open 2023; 7(3): 443–454. mehr lesen
- Klisyri (Tirbanibulin) EMA/303149/2021: , letzter Aufruf 21. September 2023. mehr lesen
- KLISYRI [package insert]. Malvern, PA: Almirall, LLC, 2021 mehr lesen
- Moore AY, Hurley K, Moore S, Moore L: Topical tirbanibulin resolves recalcitrant condyloma acuminata: Retrospective case series. JAAD Case Rep 2023; 37: 58–60. mehr lesen
Für die Verfasser
Stabsarzt Celine Müller
Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Klinik III - Dermatologie, Venerologie, Allergologie
E-Mail: celine1mueller@bundeswehr.org
WMM 2023 – 67(12)493