Versorgungsforschung aus Sicht einer regionalen Sanitätseinrichtung

Thomas Emser

Einleitung

Das Sanitätsunterstützungszentrum (SanUstgZ) Cochem versorgt als regionale Sanitätseinrichtung (RegSanEinr) mit 10 für die truppenärztliche Versorgung aufgestellten Sanitätsversorgungszentren (SanVersZ) und einem Sanitätszentrum (SanZ) ca. 22 000 Soldatinnen und Soldaten an Standorten in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Saarland. Die truppenärztliche Versorgung folgt dabei den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und dem durch das Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung (Kdo RegSanUstg) erlassenen „Leitfaden für die truppenärztliche Tätigkeit“. Versorgungsforschung – mit dem Ziel der ständigen Weiterentwicklung der truppenärztlichen Tätigkeit – wurde im Verantwortungsbereich bisher in Kooperation mit der Universität des Saarlandes (UdS) etabliert, einem der drei regionalen Studienstandorte neben der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und der Goethe-Universität in Frankfurt (Main). Im Rahmen dieser Kooperation erfolgte die Akkreditierung des SanVersZ Cochem als Akademische Lehrpraxis des Zentrums Allgemeinmedizin der UdS sowie die Dozententätigkeit des Autors für das Studienfach Allgemeinmedizin im Rahmen der universitären Lehre.

Themenkomplexe wissenschaftlicher Betrachtungen

Zur Identifizierung von Themenkomplexen zur Versorgungsmedizin aus Sicht der RegSanEinr wird der Blick aus der truppenärztlichen Sprechstunde heraus auf die Unterstützung der Prävention von Erkrankungen und der Vermeidung von Folgeschäden aus Krisensituationen sowie zur umfassenden Versorgung von chronisch erkrankten rehabilitationsbedürftigen Patientinnen und Patienten gerichtet (Abbildung 1).

Abb. 1: Themenkomplexe wissenschaftlicher Betrachtungen einer RegSanEinr

Primärprävention

Für den Themenkomplex Primärprävention wurden bisher zwei Sonderforschungsvorhaben durch das Sanitätsunterstützungszentrum Cochem realisiert. An 4 von 11 Standorten wurden auf Ebene Assistenzpersonal Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater ausgebildet. Diese führen Ernährungsberatung für Soldatinnen und Soldaten mit Übergewicht durch. Die Effekte werden quantitativ und qualitativ evaluiert. Für den Standort Cochem wurde ein Pilotprojekt mit dem Ziel der positiven Einflussnahme auf gesunde Lebensführung, gesundes Bewegungs- und Ernährungsverhalten bei Soldatinnen und Soldaten durchgeführt und mittels quantitativer Datenerhebung evaluiert.

Vermeiden von Folgeschäden aus Krisensituationen

Im Rahmen einer Befragung der Sanitätsstaffeln Einsatz (SanStffEins) der SanUstgZ Cochem und Köln-Wahn im Nachgang zur Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021 wurden Auswirkungen von potenziell traumatisierenden Ereignissen auf die empfundene Lebensqualität von Sanitätspersonal mit geschlechts- und berufsgruppenspezifischer Differenzierung durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen eine tendenziell höhere Lebensqualität bei im Rahmen des Großschadensereignisses eingesetztem Personal im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (siehe WMM 2024; 68(4): 161–168).

Verbesserung der Patientenkompetenz und der Versorgung von einsatzgeschädigten, psychisch erkrankten Soldatinnen und Soldaten

Im Rahmen von drei Interviewreihen mit Betroffenen, Ärztinnen und Ärzten sowie Vorgesetzen und der anschließenden qualitativen Inhaltsanalyse der Aussagen wurden mögliche Einflussfaktoren auf die Patientenkompetenz und die Versorgung Einsatzgeschädigter ergründet. Erste Verbesserungsmaßnahmen mit z. B. der Etablierung von “Gesprächsgruppen auf Augenhöhe“ für Betroffene an mehreren Standorten im Versorgungsbereich konnten hierdurch eingeleitet werden.

Kooperationen als wichtige Grundlage

RegSanEinr sind per se keine wissenschaftlichen ­Einrichtungen. Es ist daher immens wichtig, interprofessionellen Kooperationen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr einzugehen. Dabei sind spezifische Kooperationen mit Fachleuten zu den gewählten Themenkomplexen ebenso wichtig wie die enge Zusammenarbeit mit den behördlichen Institutionen zur Beauftragung der Vorhaben und zur Implementierung von Pilotprojekten.

Fazit

Das Auftragsspektrum der RegSanEinr bietet ein nahezu unerschöpfliches Themenspektrum zur Etablierung von Versorgungsforschung. Insbesondere die großen Herausforderungen Primärprävention und Rehabilitation Langzeiterkrankter sind bereits aufgegriffen und zeigen erste Studienergebnisse mit konkreten Hinweisen auf mögliche Ansatzpunkte zur positiven Einflussnahme im Setting vor Ort. Unter den gegebenen Voraussetzungen sind Kooperation innerhalb und außerhalb der Bundeswehr unerlässlich.

Verfasser

Oberstarzt Dr. Thomas Emser
Sanitätsversorgungszentrum Cochem
An der Hauptwache, 56812 Cochem
E-Mail: thomasemser@bundeswehr.org